Ein Plan allein macht noch keine Stadt

3. Februar 2009, 17:43
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Sind detaillierte Masterpläne der beste Weg, um neue Stadtteile wie etwa das Flugfeld Aspern in Wien zu entwickeln? Beim STANDARD-Wohnsymposium trafen zu diesen Fragen unterschiedliche Standpunkte aufeinander

"Wenn du es baust, dann werden sie kommen", hörte Kevin Costner vor 20 Jahren im amerikanischen Fantasy-Film "Field of Dreams" eine unbekannte Stimme sagen und errichtete daraufhin ein Baseball-Feld auf seinem Ackerland.

So ähnlich denken die heutigen Masterplaner. Auf dem Reißbrett entwerfen sie neue Stadtteile, wo die Bewohner alles vorfinden sollen, was sie zum Leben brauchen - Wohnungen, Arbeitsplätze, Schulen, Kindergärten, Geschäfte, Cafés, Freizeiteinrichtungen, Verkehrsanbindungen und schließlich ein pulsierendes gesellschaftliches und kulturelles Leben.

Urbane Albträume

Doch nicht immer entwickeln sich solche Retortenstädte so wie vorgesehen. Schon in der Planungs- und Errichtungsphase geschieht oft das Unerwartete, und wenn die neue Stadt einmal bezogen wird, funktioniert sie oft ganz anders, als ihre Schöpfer erwartet hatten - und manchmal überhaupt nicht. Von urbanen Albträumen wie Oscar Niemeyers Brasília sind wir in Österreich zwar weit entfernt, aber auch hierzulande muss man sich immer wieder mit dem Phänomen auseinandersetzen, dass sich urbanes Leben nicht immer planen lässt und dieses selbst in den gut durchdachten Stadtteilen oft weniger attraktiv ist als in langsam gewachsenen, wo kein Masterplaner die Dynamik des Alltagslebens vorgegeben hat.

Beim 33. STANDARD-Wohnsymposium mit dem Titel "Wie neue Stadtteile entstehen: Durchgeplant oder gewachsen" trafen vergangene Woche im Wiener Künstlerhaus vor etwa 140 Teilnehmern Befürworter und Skeptiker in Sachen Masterplänen aufeinander. Bei den Vorträgen und der angeregten Diskussion zeigte sich vor allem, dass geglückte Stadtteilentwicklung sich weder auf präzise Masterpläne noch auf die spontanen Kräfte des freien Marktes und der Gesellschaft verlassen kann, sondern eine durchdachte Planung benötigt, die gleichzeitig genügend Freiräume für Korrekturen von Planungsfehlern und positive ungeplante Entwicklungen lässt.

Die derzeit größte Stadtteilplanung in Österreich ist das 240 Hektar große Flugfeld Aspern in Wien-Donaustadt, bei dem 9000 Wohnungen sowie zahlreiche kommerzielle und kommunalen Einrichtungen rund um einen künstlichen See errichtet werden sollen. Diese "Seestadt" ist ein ehrgeiziges, ja vielleicht sogar gigantomanisches Projekt, von dessen Gelingen die Wiener Stadtpolitiker stärker überzeugt sind als so manche Experten.

Drei Projekte im Fokus

Auf dem Wohnsymposium, das vom Fachmagazin Wohnen Plus mitorganisiert wurde, standen drei Projekte aus anderen Landeshauptstädten im Mittelpunkt, die verschiedene Zugänge zum Thema Stadtteilplanung deutlich machen: Tivoli in Innsbruck, die Solar-City in Linz, und die Reininghaus-Gründe in Graz.

Während Tivoli mit seinen 500 Wohnungen ein - wenn auch relativ kleines - Beispiel für die rigide Umsetzung eines Masterplans darstellt, ist die Solar-City mit ihren 1300 Wohnungen nur durch die mehrfache Abänderung des ursprünglichen Masterplans von Roland Rainer aus den frühen Neunzigerjahren im Zuge verschiedener Architektenwettbewerbe entstanden.

Und bei Reininghaus verzichtet die Entwicklungsgesellschaft Asset One bewusst auf einen Masterplan, sondern will bloß die Voraussetzungen dafür schaffen, dass auf dem ehemaligen Brauereigelände über einen Zeitraum von 20 Jahren bis zu einem Dutzend Quartiere mit verschiedener Identität entstehen - mehr gewachsen als geplant.

Masterplan

Ganz in diesem Sinne forderte der Wiener Architekt Albert Wimmer das Ersetzen eines funktionalistischen, alles bestimmenden Masterplans durch einen "konzeptionellen Städtebau", der eine Idee im Dialog mit Beteiligten verwirklicht. "Kein fixes städtebauliches Bild entsteht, sondern eine städtebauliche Strategie", so Wimmer. Masterpläne müssten "physisch greifbar und angreifbar" werden.

Aber selbst wenn neue Stadtteile ohne zentrale Steuerung eines Masterplans entstehen, ist das Engagement der Politik gefordert, etwa die Bereitstellung der öffentlichen Infrastruktur oder wohnpolitische Rahmenbedingungen wie die Wohnbauförderung, ohne die kaum eines dieser Projekte verwirklichbar wäre. Darin waren sich zum Schluss der Veranstaltung der Wiener Wohnbaustadtrat Michael Ludwig und der Linzer Gemeinderat und VP-Wohnbausprecher Peter Sonnberger einig. (Eric Frey, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.2.2009)

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