Menschenhandel

3. Februar 2009, 17:42
28 Postings

Zur blühenden Untergrundökonomie sexueller Ausbeutung, am Beispiel osteuropäischer Frauen.

Sex-Sklaverei sieben Tage die Woche, 13 Stunden am Tag, 91 Wochenstunden, ohne Wochenende, Feiertage, Urlaub, jahraus, jahrein, 35 Freier wöchentlich, über 1800 Sexkunden jährlich - im Durchschnitt, keine Extremwerte. Zwangsarbeit, erzwungene Bettelei sowie Wach- und Drogenkurierdienste durch Kinder, alles heute, mitten in Europa.

Nach Waffen- und Drogen- ist der Menschenhandel, zu 89% das Schleppen junger Frauen, mit rund 32 Milliarden Dollar jährlich einer der profitabelsten Zweige der blühenden Untergrundwirtschaft - unmenschlichste Züge eines unzivilisierten Kapitalismus in Reinform. Statt dem pazifistisch-libertären 68er Slogan freien "Sex, Drugs and Rock'n Roll" illegaler Kommerz mit schweren Waffen, harten Drogen und käuflichem Sex - mafiöse Gewalt, ohne Rock'n Roll.

Isilda Shima* hat die sexuelle Ausbeutung der aus dem ehemaligen Ostblock und den Balkanländern geschleppten Sexarbeiterinnen an 4.559** bis 2005 ausgestiegenen Prostituierten untersucht. Die Opfer sind zu 91% Kinder, Jugendliche und junge Leute (37% zw. 9 und 20 Jahren, 54% zw. 20 und 30), 34% haben selbst Kinder, 25% sind verheiratet, 25% haben Matura und 6% Hochschulabschluss, 59% kommen aus armen, 20% aus in ihrer Heimat gut situierten Familien, 65% hatten bereits Arbeit, 69% waren vor der Auswanderung arbeitslos. Die Einkommen zu Hause waren im Mittel 52 $ im Monat - bei Schleppertarifen von 4.659 $ - siebeneinhalb Jahreseinkommen (sofern es Arbeit gab) und lebenslange Ersparnisse für einen einzigen illegalen Grenzübertritt, ohne Erfolgsgarantie.

"Abarbeiten" könnten die jungen Frauen ihre lebenslängliche "Verschuldung" bei Schleppern und Zuhältern theoretisch in 10 Tagen - fünf Sexkunden täglich à 94 $. Doch weil sie, ihrer Pässe beraubt, illegal "aufhältig", ständig von Abschiebung bedroht, abgeschlossen in kontrollierten Apartments, lange Zeit gar nichts und später allenfalls 78 der täglich verdienten 470 $ behalten dürfen, kommen sie nicht leicht frei. Bezeichnenderweise fühlten sich die 31% der Mädchen, die sich selbst befreien konnten viel besser als die 26% von der Polizei befreiten; erstaunlicherweise die in den Straßen arbeitenden 12% weniger gefährdet als die in Bars und Nachtklubs tätigen 48% - und sehr viel besser als die in Hotels und Wohnungen eingesperrten Frauen; erwartungsgemäß die 46%, die Kondome regelmäßig verwenden durften und die 42%, die trotz Illegalität Zugang zu medizinischer Versorgung hatten besser als die anderen Frauen. Missbrauch durch Vorgesetzte (24%), Zuhälter und "andere" (oft Polizisten) war häufiger als durch Klienten (10%), doch fast alle (82%) berichteten Missbrauch. 57% hatten keinerlei Bewegungsfreiheit.

Die Sexarbeiterinnen hatten für ihre Zuhälter rund 170.000 $ Marktwert jährlich, von den sie im Laufe der Zeit bis zu 28.000 $ ihren "Pferdchen" überließen - insbesondere wenn diese "Frischfleisch" aus ihrer Heimat mitrekrutierten. Am meisten half ihnen Kondomgebrauch und gesundheitliche Betreuung bei Missbrauch; folgenlos waren Versuche der Rechtsdurchsetzung; gefährlich für die Geschleppten war Kriminalisierungspolitik bei Angebot und Nachfrage, weil sie Preise, Gewalttätigkeit und Terror gegen die Frauen hochtrieb. (Bernd Marin/DER STANDARD, Printausgabe/ 4.2.2009)

* Albanische Ökonomin am Europäischen Zentrum in Wien, mit einem italienisch-norwegischen Team von Wirtschaftswissenschaftlern, siehe European Journal of Political Economy 2009
** IOM Counter-Trafficking Module Database

Share if you care.