Letzte Reise der Koma-Patientin Eluana Englaro

3. Februar 2009, 12:59
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Übersiedlung in Privatklinik in Udine, in der die künstliche Ernährung eingestellt werden soll - Vatikan empört

Im Sterbehilfe-Streit um die seit 17 Jahren im Koma liegende Italienerin Eluana Englaro ist es am Dienstag zu einer entscheidenden Wende gekommen. Die Familie der 38-Jährigen überführte die Frau von dem Krankenhaus in der lombardischen Stadt Lecco, in der sich Eluana seit Jahren befindet, in die Privatklinik "La Quiete" in Udine, Heimatstadt des Vaters der Patientin. Die Privatklinik hat sich bereiterklärt, Eluana Englaro aufzunehmen, um sie mit der Aussetzung der künstlichen Ernährung in den Tod zu begleiten. Schon in drei Tagen wollen die Ärzte mit der Aussetzung der Ernährung beginnen. Sie wollen sich dabei strikt an ein medizinisches Protokoll halten, das mit der Familie Englaro vereinbart wurde.

Vor der Abreise Eluanas kam es zu gespannten Momenten. Dutzende Anhänger katholischer Verbände, die sich gegen die Sterbehilfe einsetzen, versammelten sich vor dem Krankenhaus in Lecco. Sie versuchten, die Abfahrt des Krankenwagens mit der Frau an Bord zu verhindern. "Eluana soll leben!", betonten die Demonstranten. In der Klinik "La Quiete" befindet sich Eluana in einem Zimmer, das von privaten Wächter kontrolliert wird.

Fall bewegt ganz Italien

Englaro war 1992 nach einem Autounfall ins Koma gefallen und ist seitdem nicht wieder aufgewacht. Ihr Fall bewegt ganz Italien. Die Privatklinik in Udine hatte sich bereiterklärt, Eluana aufzunehmen, obwohl Sozialminister Maurizio Sacconi allen italienischen Spitälern die Einstellung der künstlichen Nahrungszufuhr für die Frau verboten hatte. Sacconi stellte sich damit gegen ein Urteil des Kassationsgerichts, das dem Vater Eluanas im vergangenen November das Recht zugesprochen hatte, die künstliche Ernährung für seine Tochter einstellen zu lassen. "Wir überprüfen die Situation, wir werden sehen, was man unternehmen kann", sagte Sacconi nach der Einlieferung Eluanas in die Privatklinik in Udine.

Der Vatikan protestierte heftig gegen die Überführung Eluanas in die Privatklinik, in der sie sterben soll. Die von den Richtern gebilligte Einstellung der künstlichen Ernährung für Eluana widerspreche dem Tötungsverbot, erklärte der Präsident des Päpstlichen Rats für Krankenpastoral, Kardinal Javier Lozano Barragan. In einer solchen Situation Nahrung und Flüssigkeit zu verweigern hieße, einen Menschen "durch Hunger und Durst zu einem schrecklichen Tod zu verurteilen". "Man muss die Hand des Mörders stoppen", appellierte Barragan. Der Erzbischof von Udine, Pietro Brollo, meinte, zum ersten Mal seit 1948 werde in Italien wieder ein Mensch hingerichtet.

"Angelegenheit der Familie"

"Ich hoffe, dass sich niemand in eine Angelegenheit einmischen wird, die jetzt nur noch die Familie Eluanas betrifft", sagte der Rechtsanwalt der Familie Englaro, Vittorio Angiolini. Die Regierung habe keinerlei Macht, sich in den Fall einzumischen, da das Kassationsgericht bereits der Familie Englaro das Recht zugesprochen habe, die künstliche Ernährung für Eluana auszusetzen, so der Rechtsanwalt.

Im italienischen Senat wird seit der vergangenen Woche über ein Gesetzesvorhaben zum heiklen Thema Patientenverfügung diskutiert, das von der Mitte-Rechts-Allianz von Ministerpräsident Silvio Berlusconi eingereicht wurde. Damit sollen die Italiener rechtzeitig entscheiden können, wie sie behandelt werden wollen, wenn sie wegen Krankheit oder Verletzung nicht mehr bei Bewusstsein sind. Ziel der Verfasser des Gesetzesentwurfes ist, Patienten im Endstadium ihres Lebens "unmenschliche Therapien zu ersparen". Laut dem Entwurf soll der Abbruch der künstlichen Ernährung allerdings verboten werden. (APA)

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