Zeuge des Umbruchs

3. Februar 2009, 22:26
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Henryk Kasperczak wurde 1974 mit Polen WM-Dritter. Der Trainer von Górnik Zabrze über das Ende der Welt, die politische Verein­nahmung und Polens Chancen durch die Austragung der EM 2012

ballesterer: Polens Fußball hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Wie schätzen Sie die Gegenwart ein?

Henryk Kasperczak: Der polnische Fußball wurde früher auf der ganzen Welt geachtet. Nach einer langen Krise befindet er sich jetzt in einer Phase des Aufstiegs, des Umbruchs. Wir haben an den letzten beiden Weltmeisterschaften teilgenommen und uns 2008 zum ersten Mal überhaupt für eine Europameisterschaft qualifiziert. Es scheint sich also etwas Positives zu entwickeln nach den mageren Jahren von 1990 bis 2000. Die Ausrichtung der Euro 2012 sehe ich als riesige Chance für unser Land. Es wird eine neue Infrastruktur geschaffen, Trainingszentren und Stadien. Das alles bringt Polen nach vorne, vor allem in der Jugendarbeit.

Sie waren Teil der legendären polnischen Nationalmannschaft, die in den 70er Jahren für Furore sorgte. Wird es jemals wieder ein Team mit Spielern wie Deyna, Lato, Szarmach, Tomaszewski oder Kasperczak geben?

(lacht) Nein. Aber eine Wiederholung der Erfolge, die wir damals hatten, würde ich mir sehr wünschen. Wir sind momentan nicht auf dem entsprechenden Niveau. Der englische, deutsche, französische und auch der spanische Fußball hat sich enorm entwickelt. Wir hingegen sind ein wenig zurückgeblieben, vor allem aufgrund von politischen und ökonomischen Krisen in unserem Land.

In Polen erinnert man sich gerne an das legendäre 1:1 im entscheidenden WM-Qualifikationsspiel gegen England in Wembley 1973. Können Sie dieses Spiel noch einmal Revue passieren lassen?

Für die Engländer war es ein Match der letzten Chance. Sie mussten unbedingt gewinnen, uns reichte ein Unentschieden für die WM-Teilnahme. Der Druck lag also ganz klar auf ihrer Seite. Als wir zwei Stunden vor dem Spiel auf das Feld gegangen sind, haben uns die Zuschauer als »Tiere« beschimpft. Wahrscheinlich wollten sie uns damit einschüchtern. Erreicht haben sie genau das Gegenteil: Ihre Schreie haben uns umso mehr motiviert.

Die englische Tageszeitung Sun schrieb am nächsten Tag vom »Ende der Welt«.

Ja, das war es wohl für die Engländer. Wir haben ihren Angriffen standgehalten und unser Tormann Jan Tomaszewski hat ein hervorragendes Spiel gemacht. Bis auf einen Ball konnte er alles abwehren, was auf ihn zugeflogen kam. Die Engländer waren sich ihres Erfolgs zu sicher. Schon vor dem Match haben sie ein Bankett für 2.000 Personen organisiert. Uns mitgerechnet, sind nach dem Match nur 200 Leute aufgetaucht. Wir sind auf ihre nationale Trauerfeier gegangen.

Es folgte die WM-Endrunde 1974 in Deutschland, bei der Polen Platz drei erreichte. Waren Sie damals mit dem Erreichten zufrieden?

Niemand hatte mit einem solchen Erfolg gerechnet, auch die Fachleute nicht. Einerseits waren wir sehr zufrieden mit den Resultaten. Wir haben für eine große Überraschung gesorgt und gemeinsam mit den Niederländern den schönsten Fußball gespielt, schnell und technisch hochstehend. Weltmeister sind aber die Deutschen geworden. Bis heute bereuen wir alle, dass wir gegen sie im Halbfinale in diesem Schlamm spielen mussten. Denn wir haben uns sehr gut gefühlt vor dem Spiel. Es bleibt also auch eine Unzufriedenheit, wenn ich heute daran zurückdenke.

Sie sprechen von der »Wasserschlacht von Frankfurt«, in der Polen gegen Deutschland mit 0:1 verlor. Hätten Sie die Deutschen unter regulären Bedingungen geschlagen?

Darüber könnten wir lange diskutieren. Tatsache ist: Unter normalen Bedingungen hätte das Spiel ganz anders ausgesehen. Eine halbe Stunde vor dem Match hat es heftig zu regnen begonnen, doch die Deutschen haben alles Menschenmögliche unternommen, um das Spiel über die Bühne zu bringen. Aber unter solchen Bedingungen hätte es niemals stattfinden dürfen.

Wie wurde das polnische Team nach der Rückkehr aus Deutschland empfangen?
Fühlten Sie sich von der politischen Führung instrumentalisiert?

Es waren schwierige Zeiten, und wir Fußballer haben den Leuten eine unglaubliche Freude bereitet. Das war ein großer Erfolg in dem kommunistischen System, und somit auch ein Erfolg für das System. Der sportliche Erfolg war auch ein politischer. Nach unserer Rückkehr wurden wir empfangen wie Staatschefs, wir fuhren in offenen Wägen durch die Straßen, und ältere Damen warfen uns Blumen zu und weinten vor Glück. Diese wunderbaren Momente werde ich nie vergessen.

Bei der WM in Spanien 1982 wurde das polnische Team erneut Dritter. Was waren
abgesehen von den hervorragenden Spielern die entscheidenden Faktoren für diesen Höhenflug?

Wir hatten sehr gute Trainer in dieser Periode. Jacek Gmoch, Andrzej Strejlau, Antoni Piechniczek und vor allem Kazimierz Górski – alles große Kenner mit vielen guten Ideen.

Warum sind die Erfolge nach 1986 ausgeblieben?

Die Lebensumstände in Polen haben sich verschlechtert, und das hat sich auch auf den Sport ausgewirkt. Das Interesse am Fußball ist gesunken, die Menschen hatten andere Probleme. Zum Glück gab es die Solidarnosc um Lech Walesa und Papst Johannes Paul II. Beide sind Symbole der Menschlichkeit in Polen und werden nie vergessen werden. Polen ist dieser Krise entflohen und der Fußball wieder in Mode gekommen. Seither haben sich viele Dinge verbessert.

Im Gegensatz zur Nationalmannschaft blieben den polnischen Klubs ähnliche Triumphe verwehrt.

Über die Stärke einer Liga und ihrer Teams entscheidet das Geld, das in Polen nie in einem Ausmaß wie in England oder Spanien vorhanden war. Außerdem hängt der Erfolg im Fußball von drei Elementen ab: Der Ausbildung der Jugendlichen und der Trainer, die in Polen nicht auf dem Level anderer Länder stattfindet, und der notwendigen Infrastruktur. Wir brauchen moderne Trainingsplätze und Stadien – und wir müssen das Marketing ausbauen und die Korruption bekämpfen.

Österreich und Polen lassen immer wieder mit Erfolgen bei Nachwuchsturnieren aufhorchen. Weshalb schafft kaum ein Talent den internationalen Durchbruch?

Die Spieler müssen besser geschult werden, aber das fällt schwer, weil die Klubeigentümer sich nur um die erste Mannschaft kümmern. Auf Jugendarbeit wird kein Wert gelegt, das ist eine erschreckende Tendenz. Erst wenn in diesem Punkt mehr Engagement gezeigt wird, wird man die Liga qualitativ verbessern können.

Sie sind mit dem kleinen Klub Stal Mielec in den 70ern zweimal polnischer Meister
geworden. Auch die schlesischen Klubs, die nicht den politischen Apparat hinter sich hatten, gewannen viele Meisterschaften. In anderen realsozialistischen Staaten dominierten hingegen die Armee- oder Polizeiklubs.

In Polen gab es zwar ebenfalls Vereine der Polizei und der Armee, die schlesischen Vereine standen aber unter dem Patronat der Kohlebergwerke, die ebenso ihre finanziellen Möglichkeiten hatten. Zudem war ein Spieler Eigentum des Vereins. Transfers gab es nicht, außer wenn ein Klub einwilligte, seinen Spieler ziehen zu lassen. Ins westliche Ausland konnte man in jungen Jahren auch nicht wechseln, dazu brauchte es schon die Erlaubnis des Sportministers. Als Leistungssportler wurden wir außerdem gut bezahlt, zu jener Zeit besser als die im Westen. So blieben die Kader der Teams über Jahre unverändert.

Der polnische Ligafußball lag in den 90er Jahren am Boden. Die Gewalt nahm überhand, die Zuschauerzahlen erreichten ihren Tiefpunkt. Sie waren zu jener Zeit im Ausland tätig. Wie haben Sie diese Periode miterlebt?

Der Wechsel zum demokratischen System hat bei den Polen eine Menge Hoffnungen geweckt. Nachdem sie sich vom Kommunismus befreit hatten, haben sie gemeint, genauso leben zu können wie die Menschen im Westen. Das ist jedoch nicht eingetreten. Ich denke, die Polen wollten zu schnell zu viel. So kam es zu vielen Krisen, und manche Leute haben ihrem Unmut freien Lauf gelassen. Am besten tut man das in der Öffentlichkeit, wo es jeder sehen kann. Zu Hause rebelliert keiner, weil es dann Probleme mit der Ehefrau gibt. Also gingen diese Leute ins Stadion, um sich dort zu schlagen und zu zeigen, dass sich nichts an ihrer Lage geändert hatte.

Hat sich die Situation verbessert?

Was den Hooliganismus betrifft, bessert sich die Situation von Jahr zu Jahr. Auf die Sicherheit in den Stadien wird viel Wert gelegt. Schnellgerichte wurden eingerichtet, die innerhalb von 24 Stunden ein Urteil fällen können. Bei Górnik haben wir hohe Zäune im Gästesektor, die die gegnerischen Fans daran hindern sollen, in andere Stadionbereiche einzudringen. Es wird besser, aber die Strafen sollten noch härter werden.

Halten Sie einen Stadionbesuch in Polen für gefährlich?

Ja, es ist gefährlich. Man sieht sehr wenige Frauen oder Kinder im Stadion. Sie haben Angst, dorthin zu gehen. Erst wenn es einen gewissen Komfort gibt, werden sie kommen.

Im Ausland besteht mitunter der Eindruck, dass Polen und die Ukraine mit den Vorbereitungen auf die Euro 2012 hinterherhinken. Welche Schwierigkeiten sehen Sie auf die Veranstalter zukommen? Ist Polen EM-reif?

Ich bin Mitglied des Organisationskomitees in Krakau. Dort wird es keine Probleme geben. Krakau ist nur eine Reservestadt, aber in den Bereichen Sicherheit, Hotelwesen und Stadionfertigstellung sind die Vorbereitungen am weitesten fortgeschritten. Die anderen Spielorte Posen, Danzig, Wroclaw, Warschau und auch Chorzów haben ebenfalls gut gearbeitet.

Wie ist die Lage in der Ukraine?

Die Wirtschaft entwickelt sich zwar, aber die politische Lage ist instabil, was ihnen bei der Organisation Probleme bereitet. Ich hatte nicht die Gelegenheit, mir vor Ort ein Bild zu machen. Ich kann aber sagen, dass Polen bereit ist, die EM notfalls allein auszurichten, allerdings nur in sechs Städten. Auch eine EM mit sechs polnischen und zwei ukrainischen Städten ist vorstellbar, falls etwas Unvorhergesehenes passieren sollte.

Leo Beenhakker ist als polnischer Teamchef nicht unumstritten. Könnten Sie sich vorstellen, nach einem etwaigen Ende seiner Ära den Posten zu übernehmen?

Ich beurteile Beenhakkers Arbeit positiv und wünsche ihm das Allerbeste. Er hat Historisches geleistet, und ich hoffe, er qualifiziert sich mit Polen auch für die kommende WM. Natürlich ist es der Traum eines jeden Trainers, einmal mit dem Nationalteam seines Landes zu arbeiten. Aktuell habe ich aber meine Verpflichtungen bei Górnik. Ich möchte mit dem Verein gute Ergebnisse erreichen, alles andere interessiert mich im Moment nicht. Ich lasse den Dingen ihren Lauf. (Interview: Radoslaw Zak, Fotos: Dieter Brasch)

Zur Person:


Henryk Kasperczak, 62, wurde zwar nur einen Steinwurf vom Stadion Górnik Zabrzes entfernt geboren, spielte jedoch nie für den Klub, weil dieser kein Interesse an ihm zeigte. Stattdessen gewann er mit Stal Mielec 1973 und 1976 die polnische Meisterschaft. Weitere Stationen als Spieler waren Legia Warschau und der FC Metz. Für die »Reprezentacja« absolvierte er 61 Spiele und erzielte fünf Tore. Platz drei bei der WM 1974 folgte zwei Jahre später die Silbermedaille bei den Olympischen Spielen in Montreal. Als Trainer arbeitete »Henri« bei Metz, Saint-Étienne, Montpellier, Bastia und er coachte die Auswahlteams der Elfenbeinküste, Tunesiens, Marokkos, Malis und des Senegal. Nach 24 Jahren im Ausland kehrte Kasperczak 2002 in seine Heimat zurück und feierte mit Wisla Krakau drei Meistertitel und zwei Pokalsiege. Seit 2008 trainiert er Górnik Zabrze.

  • Henryk Kasperczak in Zabrze auf der Bank.

    Henryk Kasperczak in Zabrze auf der Bank.

  • Der "Klub Sportowy Górnik Zabrze" ist seit jeher ein Symbol der Bergarbeiter  der polnischen Region Oberschlesien.

    Der "Klub Sportowy Górnik Zabrze" ist seit jeher ein Symbol der Bergarbeiter der polnischen Region Oberschlesien.

  • Gornik-Fans im Ernest-Pohl-Stadion.

    Gornik-Fans im Ernest-Pohl-Stadion.

  • Inhalte des ballesterer Nr. 39 (Februar 2009) – ab sofort österreichweit erhältlich:
SCHWERPUNKT: ZWISCHEN DEN POLEN
Zwischen Romantik und Moderne
Eine Reisereportage aus Kattowitz, Zabrze und Krakau
Freund und Feind
Die polnischen Fanallianzen im Überblick
Hektik auf der Großbaustelle
EM-2012-Vorbereitungen überschattet von Korruption und Sticheleien
Ungekrönte Helden
Die goldenen Spielergenerationen um Deyna, Boniek und Lato
Viva Polonia
Wie Polens Scouts einen neuen Fall Podolski verhindern wollen
Lost Grounds
Sportstätte und Jahrmarkt: das Stadion Dziesieciolecia in Warschau
Außerdem in der aktuellen ballesterer-Ausgabe:
Ultrà-Diskussion
Österreichs Italiener und Briten auf Kuschelkurs
Fußball unterm Hakenkreuz,
Walter Nausch, der noble Austria-Kapitän
»Wir sind Rapid, und wer seid ihr?«
Domenico Jacono über seine neue Fanchronik zum SK Rapid
Weniger Zuschauer, mehr Gewalt
Schwedens Allsvenskan auf dem Weg in eine veritable Krise
Taumelndes Hochofenballett
Die ungewisse Zukunft des DSV Leoben
Kampf mit dem Zement
Alfred Riedls neue Herausforderung in Vietnam
Rückkehr in Zivil
Ex-Armeeklub Dukla Prag zurück im tschechischen Profigeschäft
Die Zigarette danach
Fußball und Nikotin: ein inniges, männliches Verhältnis
Dr. Pennwiesers Notfallambulanz
Die lange Unterflak
Groundhopping
Borderlining in Berwick und Mailänder Sauschädel

    Inhalte des ballesterer Nr. 39 (Februar 2009) – ab sofort österreichweit erhältlich:

    SCHWERPUNKT: ZWISCHEN DEN POLEN

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    Außerdem in der aktuellen ballesterer-Ausgabe:

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