"Es geht hier um mehr als bloß um Voggi"

3. Februar 2009, 14:32
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In Foren und Blogs entlädt sich die grüne Wut über die Entscheidung der Parteispitze - Bundes-Geschäftsführerin Sburny: "Wir nehmen das sehr ernst"

"Es geht hier um mehr als bloß um Voggi. Jetzt müssen wir bei der EU-Wahl über Glawi, Sburny, Vassi, und Luni entscheiden". Unter http://gruenekonter.blogspot.com/ verleiht Anton Kuzmits, Grüner Ortsgruppenchef aus dem Burgenland (Gemeinde Nikitsch), seiner Wut über die Causa Voggenhuber Ausdruck. "Wir sind kein Stimmvieh. Wir wollen die KandidatInnen selber reihen. Per Vorzugsstimmen. Jetzt und für immer. Auch bei Landes- und Bundeswahlen!"

Die grüne Seele kocht, und sie kocht vornehmlich im Web. In Blogs, Foren und in tausenden Postings auf derStandard.at entwickelten sich in den vergangenen Tagen hitzige Diskussionen zur Entscheidung der grünen Parteispitze, Johannes Voggenhuber bei der EU-Wahl nicht antreten zu lassen. "Klassische" Presseaussendungen, mit denen normalerweise die innenpolitische Diskussion eingeleitet und gesteuert wird, gab es dagegen kaum - und wenn, dann von politischen Mitbewerbern.

Pro-Voggenhuber-Community

Die grüne Blog-Community, traditionell die stärkste aller österreichischen Parteien, steht mehrheitlich auf der Seite Voggenhubers. Auch in einer derStandard.at-Umfrage, die gleich nach der Abstimmung im erweiterten Bundesvorstand startete, meinten 85 Prozent der Befragten (2153 Stimmen), dass die Grünen mit der Verhinderung Voggenhubers "einen schweren Fehler begehen". (Stand der Umfrage vom 3. Februar um 12 Uhr).

In der Blogosphäre wird das Thema heiß debattiert. Johann Tschann, Mitglied des Landesvorstands und Finanzreferent der Grünen Vorarlberg, schreibt etwa in seinem Blog: "Liebe Parteispitze, das ist parteischädigend, was ihr da aufführt. Wir erwarten von Euch eine Erklärung, warum das für euch so wichtig war, dass J.V. abgesägt werden musste." Der Schaden für die grüne Bewegung sei "unermesslich groß".

"Enttäuschend" und "lächerlich"

Gebi Mair, Mitglied des Erweiterten Bundesvorstands der Grünen, beklagt: "Nun haben wir eine mediale Diskussion, wo einer unverdient den Märtyrer spielen kann, und die Partei so dumm war, ihn auch noch zum Märtyrer zu machen. Die Auswirkungen scheinen mir derzeit kaum abschätzbar zu sein, aber ich befürchte sie sind massiver, als manche jetzt noch glauben.

Der Wiener Grüne Peter Pilz bloggte, eine Partei, "die sich vor den Stimmen für Johannes Voggenhuber fürchtet, macht sich lächerlich". Und Christoph Chorherr schrieb: "Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so enttäuscht über 'meine" Grünen war'.

Facebook-Gruppen für Voggenhuber

Auch auf der Plattform Facebook ist die grüne EU-Liste Thema. Diverse Gruppen werben bisher um UnterstützerInnen: "Vorzugsstimme für Voggenhuber" etwa und "Johannes Voggenhuber bekommt meine Vorzugsstimme". Allerdings bisher mit mäßigem Erfolg - keine der Gruppen hat mehr als 40 Mitglieder. Auch im Facebook-Profil des EU-Mandatars finden sich Unterstützungspostings. Ein User hat etwa die Gruppe "Eva Glawischnig muss nach EU-Wahl-Schlappe abtreten" gegründet. Gegengruppen, die die Entscheidung der Parteiführung verteidigen, gab es zum Zeitpunkt der Recherche keine. Auch die grüne Parteichefin selbst ist bei Facebook nicht angemeldet.

"Gestörte Vertrauensbasis"

Seitens der grünen Parteiführung wurde auf die Vorwürfe der Blogger bisher nicht direkt eingegangen, man beschränkt sich auf Aussagen in den klassischen Medienkanälen. Nur Ulrike Lunacek reagiert auf die vielen enttäuschten Poster, die sich in ihrem Blog dielunacek.at verweigt hatten, mit dem Versuch einer Klarstellung.

Niemand habe etwas gegen Voggenhuber, es gehe darum, "dass es für eine 'Solidaritäts'-Kandidatur ein Mindestmaß an Vertrauen geben muss". Und das sei durch Voggenhubers Hin und her bei der Kandidatur eben nicht mehr gegeben gewesen. "Ich hoffe, dass sich jetzt enttäuschte WählerInnen von mir überzeugen lassen wollen, mich und die Grünen beim kommenden EU-Wahlkampf doch zu unterstützen", so Lunacek weiter. Grünen-Chefin Eva Glawischnig erklärte via APA-Meldung die Niederlage Johannes Voggenhubers mit einer "gestörten Vertrauensbasis", die nicht weder zu kitten gewesen sei.

"Wir nehmen das sehr ernst"

Michaela Sburny, Bundesgeschäftsführerin der Grünen, beobachtet die Vorgänge im Netz genau. Welche Konsequenzen zieht sie daraus, dass viele Blogger und User Kritik an der Grünen Parteispitze äußern? "Ich will das jetzt gar nicht relativieren, wir nehmen das sehr ernst". Viele der Kritiker seien sehr engagierte Mitglieder der grünen Gemeinschaft, so Sburny, dementsprechend aufmerksam verfolge man die Debatte. "Wir lesen viel im Netz, wir bekommen auch viele Mails". Diese würden alle auch persönlich beantwortet.

Sburny meint, die Grünen hätte noch "Nachholbedarf" im Web 2.0. Dennoch wolle sie jetzt keine Gegenbewegung contra Voggenhuber auf Facebook und Co. inszenieren. "Vielmehr müssen wir uns überlegen, wie wir in der Internet-Community als Partei glaubhaft rüberkommen", so Sburny zu derStandard.at.  Ein Konzept für besseres Agieren im Netz werde gerade ausgearbeitet.

Blogger-Kritik

Dass das dringend nötig wäre, findet etwa Max Kossatz, der den Blog Wissen belastet betreibt. Er hat eine Statistik erstellt, die belegt, dass in der Zeit zwischen Mitte Dezember und 2. Februar auf derStandard.at rund 9.000 Postings  und 29 Artikel zur grünen EU-Liste online gegangen sind. Gerade die (potenziellen und tatsächlichen) WählerInnen der Grünen seien im Internet stark vertreten, insofern sei die heftige Debatte ein klares Zeichen für die Parteiführung, zu handeln. "Das zu negieren ist gerade von einer selbsternannten 'Internetpartei', wie es die Grünen sind, eine dumme Entscheidung". (Anita Zielina, derStandard.at, 3.2.2008)

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    Die Causa Voggenhuber sorgt für schlechte Stimmung bei den Grünen - auch wenn das offiziell nicht gern gehört wird.

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