Granaten weit unter Mindestabstand gezündet

3. Februar 2009, 10:11
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Entgegen den Vorschriften fand die Übung viel zu nahe an der A22 statt - Meteorologe: "Wind hat zur Autobahn gedreht"

Korneuburg - Das Militärkommando Niederösterreich hat am Dienstag seinen Bericht zum tödlichen Unfall auf der A22 vom 22. Jänner ans Verteidigungsministerium übergeben. Kurz vor der Karambolage waren in rund 260 Metern Entfernung auf dem Garnisonsübungsplatz Korneuburg fünf Nebelgranaten gezündet worden. Entgegen den Vorschriften viel zu nahe an der Autobahn, wie Heeressprecher Peter Barthou zum Standard sagt.

"Von der Unfallstelle selbst waren die Nebelgranaten 260 Meter statt der vorgeschriebenen 300 Meter entfernt." Allerdings: Der nächstliegende Punkt der Autobahn insgesamt war lediglich 110 Meter weit weg - also nur ein Drittel der zulässigen Entfernung. Für die Staatsanwaltschaft ist dieses Detail zwar nicht von Belang, wohl aber für die heeresinternen Untersuchungen. Intern wird die Verschuldensfrage in diesem ersten Bericht allerdings nicht behandelt. Mit den Ergebnissen der Disziplinarabteilung wird das Verteidigungsministerium einen Endbericht erstellen.
Unterdessen sind Bilder der Überwachungskamera von einer Tankstelle, in deren unmittelbarer Nähe das Unglück passierte, aufgetaucht. Innerhalb einer knappen Minute baute sich eine Nebelwand auf. Allerdings stammen die Bilder von zwei verschiedenen Kameras, sind also nicht ganz vergleichbar.
Bei der strafrechtlichen Bewertung des Unfalles wird die Frage, wie plötzlich der Nebel die Sicht auf der Autobahn behindert hat, eine mitentscheidende Rolle spielen. Denn unter Umständen trifft die Autofahrer eine Mitschuld - wenn zwischen den ersten Schwaden und der undurchdringlichen Wand mehrere Sekunden gelegen sind, beispielsweise.

"Man muss das natürlich im Einzelfall entscheiden, aber die Straßenverkehrsordnung schreibt vor, dass die Geschwindigkeit den gegebenen Umständen anzupassen ist", erklärt Ralf Hasler, Verkehrsrechtsexperte beim ARBÖ. „Wenn erste Nebelschwaden auftreten, könnte man argumentieren, dass das Tempo bereits gedrosselt und der Sicherheitsabstand erhöht werden muss", meint er.

Bei der Klärung dieser Frage soll in den nächsten Tagen eine Wiederholung der fatalen Übung vom 22. Jänner helfen. Sobald die meteorologischen Bedingungen vergleichbar sind, soll auf einem Truppenübungsplatz das Verhalten des Granatennebels getestet werden. Laut Aussagen eines Gutachters habe sich zum Unfallzeitpunkt, der Wind in Korneuburg in Richtung Autobahn gedreht.

Auch die Bundesheerbeschwerdekommission und die Polizei erstellen derzeit noch Berichte über den Vorfall. Laut ORF haben sich mehrere Rekruten aus Korneuburg an die Beschwerdekommission gewandt, weil sie daran gehindert worden sein sollen, Fehlverhalten ihrer Vorgesetzten in dem Fall zu melden. Auch der kriminaltechnische Bericht, für den die Unfallwracks inspiziert werden, und das Ergebnis von der Obduktion der bei dem Unglück verstorbenen 32-jährigen Tschechin sind noch ausständig. Damit sei erst in ein paar Wochen zu rechnen, sagte Friedrich Köhl von der Staatsanwaltschaft Korneuburg.

Sollte sich herausstellen, dass das Bundesheer schuldhaft und rechtswidrig gehandelt hat, hat das Kind der Toten die Möglichkeit, die Republik auf Schadenersatz zu klagen. Laut Austria Presse Agentur soll der Vater der Sechsjährigen eine Klage gegen das Bundesheer überlegen und auch einen österreichischen Anwalt mit der Klagseinbringung beauftragt haben. (Michael Möseneder/Gudrun Springer/DER STANDARD, Printausgabe, 4.2.2009)

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    22. Jänner, 18.54 Uhr, eine Agip-Tankstelle an der A22: Auf dem Foto der Überwachungskamera sind erste Nebelschwaden zu erkennen...

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    ... die, aus einer anderen Perspektive, eine knappe Minute später zur undurchdringlichen Wand geworden sind

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