Applaus nach der Schuhattacke auf den chinesischen Regierungschef

3. Februar 2009, 14:22
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Ein Demonstrant schleuderte einen Schuh auf Wen Jiabao, das chinesische Fernsehen durfte den Vorfall zeigen - Nun erntet der Präsident Applaus für sein Verhalten

Chinas Propagandabehörden haben nach der Rückkehr von Premier Wen Jiabao von seiner einwöchigen Europareise nach Peking demonstrativ ihr ganztägiges Verschweigen der "Schuhwurf-Episode" um den Spitzenpolitiker beendet. Die Bevölkerung erlebte eine ungewöhnliche Fernsehsendung zur Hauptnachrichtenzeit am Dienstagabend mit.
Das CCTV-Staatsfernsehen rückte nach ihrem Auftaktbericht über Wens Abschlussgespräche mit dem britischen Regierungschef und seiner Rede in Cambridge plötzlich einen eigenen Nachrichtenblock ein. Minutenlang zeigte CCTV das Störmanöver eines Demonstranten, der den Premier bei seinem Vortrag in der Universität Cambrigde unterbrochen und schließlich mit einem Schuh nach ihm geworfen hatte.

Die Zuschauer konnten Wen zuerst verdutzt in seiner Rede innehalten sehen und dann den Protestrufen des Störers zuhören. Dann bekamen sie auch den Schuhwurf aus dem Publikum mit, der den Premier nur um einige Meter verfehlte. Sie hörten wie ihr Premier, als er wieder zu reden begann, unter Applaus dem Auditorium zurief, dass diese "verabscheuenswürdige Handlung die freundschaftlichen Verbindungen Chinas und England nicht verhindern kann" . Gezeigt wurde auch, wie der Störer abgeführt wurde.

In Peking war nicht zu erfahren, was die Sinnesänderung bei der Propaganda bewirkt hat, die erstmals einen solchen "Gesichtsverlust" eines ihrer Führer öffentlich zeigen musste.
Vermutet wird aber, dass der Premier, der während des Protests eine gute Figur machte, die Ausstrahlung selbst angeordnet hatte. Poster auf der Webseite sina.com gingen jedenfalls davon aus. Und sie lobten unisono Wen dafür.

"Historischer Moment"

"Großartiger Premier. Du hast nicht nur gut geredet, sondern dich auch gut verhalten." Andere schrieben: "Das schadet unserem Premier nicht. Das bringt ihm nur Punkte." Einer schrieb. "Das ist ein historischer Moment. Endlich macht unser Fernsehen Fortschritte." Dutzende Internetportale kopierten die Szenen aus Youtube.

Chinas Zensur hatte zuvor den Medien einen Maulkorb verpasst. Pekings Tageszeitungen durften einen Tag lang kein Wort über den Schuhwurf berichten. Auch der Fernsehsender CCTV, der Wens Rede live übertrug, hatte Montagnacht bei dem Zwischenfall (Pekinger Zeit um 23.30 Uhr) sofort abgedreht und nur den Redner Wen, nicht aber das Publikum oder den Demonstranten gezeigt und schon gar nicht den Schuhwurf.

Pekings Medienkontrolle hatte sich erst im Jänner zum Gespött der Welt gemacht, als sie die Wiedergabe der Antrittsrede von US-Präsident Barack Obama zensierte, der "Faschismus und Kommunismus" gleichzeitig kritisiert hatte. China hatte bei der Übersetzung das Wort "Kommunismus" streichen lassen.

Die propagandistische Handhabung des Schuhvorfalls bis zu den gestrigen Abendnachrichten hatte auch deshalb besonderes Aufsehen erregt, weil Peking einst ganz anders über den Schuhwurf auf US-Präsident George W. Bush in Bagdad berichtet hatte. Alle Medien durften ihn nicht nur sofort melden, sondern auch Witze darüber reißen und Karikaturen drucken. (Johnny Erling aus Pekin, DER STANDARD, Printausgabe, 4.2.2009)

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    Ein Sicherheitsbeamter entfernt nach der Schuh-Attacke das Beweisstück

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