Geschlechterkampf und Verengung

2. Februar 2009, 19:43
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Voggenhuber ließ die neue Partie seine intellektuelle Überlegenheit spüren

Opfer eines "Geschlechterkampfes" ? Was Johannes Voggenhuber widerfahren ist, kann man genauso gut als "die neue Partie säubert die alte Partie" interpretieren. In der ÖVP hat die "Pröll-Gruppe" die "Schüsselgruppe" (Schüssel selbst, Bartenstein, Plassnik, Molterer) recht cool abmontiert (nur Molterer kann unter Umständen auf den Posten eines EU-Kommissars hoffen); in der SPÖ hat Faymann seinen Vorgänger Gusenbauer recht nachhaltig entsorgt (anscheinend ist auch die Option "EU-Kommissar" nicht mehr aufrecht, weil das gute Verhältnis zum Koalitionspartner ÖVP wichtiger war).

Voggenhuber beging übrigens ähnliche Fehler wie Schüssel und Gusenbauer - oder auch Plassnik: er ließ die neue Partie seine intellektuelle Überlegenheit spüren. Noch dazu durch ständige öffentliche Aussagen. So verhält man sich auch als Großkaliber und Schwergewicht nicht, wenn die Parteispitze neu ist. Besserwissen aus der zweiten Reihe ist selbstzerstörerisch.

Einerseits. Andererseits hat diese innerparteiliche Auseinandersetzung selbstverständliche Elemente eines Geschlechterkampfes, und zwar leider eines traditionellen, nach alten, "männlichen" Mustern.
In der "normalen" politischen Szene lassen ein Mann oder gewichtige Männer - die Schüssels, die Häupls, die Erwin Prölls, die Straches und Haiders gnädig "talentierte" Frauen nach oben kommen, um sie dann notfalls scharf auszubremsen. Diesmal taten sich Frauen zusammen, um einen unzweifelhaft begabten, aber letztlich lästigen Mann des "alten Regimes" zu kippen. Anstatt zu versuchen, ihn einzubinden, seine Stärken zu nutzen. Integration statt Konfrontation. "Soft power" statt "hard power" .

Das hätte man als Essenz einer "anderen" Politik, die sich von der üblichen Männerpolitik unterscheidet, erwarten, erhoffen können. Noch dazu bei den Grünen, wo ein anderes Herangehen an Politik Teil des Selbstverständnisses ist. Aber es sollte nicht sein. Zufällig oder nicht zufällig ist die Parteispitze von Frauen dominiert: Bundessprecherin Glawischnig, Stellvertreterin Vassilakou, Geschäftsführerin Sburny. Ob die einander jetzt in inniger Frauensolidarität verbunden sind (sie sind es nicht), ist im konkreten Fall gleichgültig. Man wollte eine Frau an der Spitze der Kandidatenliste für die EU-Wahl - Ulrike Lunacek -, und man hat sie bekommen. Es war ein Akt symbolischer Politik.

Mehr noch - den alten Besserwisser Voggenhuber, der überdies seine geringe Meinung von Glawischnig kaum verbarg, zurechtzustutzen, war persönliches Anliegen und bewusstes frauenpolitisches Signal zugleich: so ergeht es den Gorillamännchen ("Silberrücken" ), die uns schon lange mit ihrer schneidenden Eloquenz und ihrem Brusttrommeln auf die Nerven gehen. Für die Grünen ist zu hoffen, dass dies nicht symptomatisch für die neue Politikrichtung wird. Das (schein-)triumphierende Feminat ist ein Irrweg ins Sektierertum.
Die Voggenhubers muss man nicht nur aushalten, sondern auch aktiv einsetzen, weil sie eine wichtige Funktion erfüllen. Starke Frauen können sich das leisten. (Hans Rauscher/DER STANDARD-Printausgabe, 3. Feber 2009)

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