Die Neue Mittelschule und ihre alten Probleme

2. Februar 2009, 19:33
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Viele Eltern müssen nach den Ferien entscheiden, ob ihr Kind in eine Neue Mittelschule soll

Wien - 150 Veranstaltungen zwischen Boden- und Neusiedler See, 40.000 zurückgelegte Bahn-Kilometer - Bernd Schilcher dürfte mittlerweile Eltern und Lehrern in ganz Österreich als der Wanderprediger der Neuen Mittelschule (NMS) bekannt sein. Der frühere steirische Landesschulratspräsident und Leiter der (mittlerweile eingestellten) Expertenkommission von Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) ist nun (fast ausschließlich) Pensionist und freut sich darüber, dass eine Idee, mit der er seit 35 Jahren herumläuft - die gemeinsame Schule der Zehn- bis Vierzehnjährigen nämlich - nun Gestalt annimmt.
Urteilt man nach den Zahlen, dann dürfte sich das Prestigeprojekt der Unterrichtsministerin zu einem Erfolg entwickeln: Ab Herbst gibt es deutlich mehr Standorte (siehe Grafik); und sobald nach den Semesterferien die Anmeldefrist beginnt, wird allerorts ein Run auf die Klassen erwartet.

Die neue Schule sieht aber nicht in allen Bundesländern gleich aus. So gibt es für Niederösterreichs Zehnjährige eine zweijährige "Orientierungsphase" : In 46 Hauptschulen sollen die Schüler in den ersten zwei Mittelschuljahren herausfinden, ob sie eher in Richtung Lehre oder in Richtung schulische Weiterbildung gehen wollen.

NÖ-Kritik: "Zu zentralistisch"

Dementsprechend kooperieren dieHauptschulen mit Gymnasien, mit Berufsbildenden Höheren Schulen oder mit polytechnischen Schulen, die Schwerpunkte werden je nach Standort festgelegt. "Zu zentralistisch" war den Niederösterreichern das Schmied'sche Mittelschulmodell, erklärt Landesrätin Petra Bohuslav (ÖVP) den Alleingang. Die SPÖ konnte sich mit ihrem Wunsch nach "echten" NMS nicht durchsetzen.

Auch in Vorarlberg entspricht das neue Schulkonzept nicht ganz den Bundesvorgaben, dort gibt es in den Mittelschulen Leistungsgruppen. "Die Umwandlung wird passieren, aber das geht nicht sofort und nach der gleichen Methode" , erklärt Landesrat Siegi Stemer (ÖVP). Eine zweite "offene Wunde" betrifft alle Bundesländer: AHS-Lehrer verdienen mehr. Stemer fordert daher "schon länger ein modernes Dienst- und Gehaltsschema" . Denn Kriterium für die Lehrerentlohnung ist und bleibt die Ausbildung. Bei dieser heiklen Debatte spielt Schmied ein demografisches Faktum in die Hände: Bis 2020 geht dieHälfte aller Lehrer in Pension - und damit wohl auch der eine oder andere widerspenstige Lehrergewerkschafter.

Neu am Mittelschulmodell ist auch, dass sich die teilnehmenden AHS-Lehrer bewerben konnten. Bislang hingen die angehenden Pädagogen oft jahrelang in der Warteschleife, bevor sie ihren Job antreten konnten. Der Lehrerüberschuss wird zwar weniger, das Problem mit der Postenvergabe bleibt aber, erklärt Ex-Landesschulratspräsident Schilcher: "Wir hatten in der Steiermark jahrelang tausende Lehrer auf der Warteliste. DieLehrer wurden der Reihe nach angeschrieben, und dann kam zum Beispiel ein Grazer nach vier oder fünfJahren Wartezeit nach Knittelfeld; die wollten ihn nicht, und er wollte nicht dorthin und hat vom ersten Tag an interveniert, damit er wieder zurückkommt." Schilcher nennt dieses Phänomen "Auspufflehrer" - weil viele junge Pädagogen jahrelang Tag für Tag zwischen ihrer Schule und ihrem Lebensmittelpunkt pendeln. Direktoren müssten sich daher - wie jeder andere Chef auch - ihre Mitarbeiter aussuchen können, fordert Schilcher. "Und wenn ein Lehrer von keiner Schule gewünscht wird, dann ist er vielleicht einfach nicht gut." (Andrea Heigl/DER STANDARD-Printausgabe, 3. Feber 2009)

 

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