Harry Potter und der fehlbare Papst

2. Februar 2009, 18:29
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Die Bestellung des Linzer Weihbischofs zeigt: Nur keine Macht dem Kirchenvolk - Von Markus Rohrhofer

Episcopi in partibus infidelium - Bischöfe im Gebiet der Ungläubigen: Die ursprüngliche Bezeichnung von Weihbischöfen im frühen Mittelalter hat plötzlich wieder an Aktualität gewonnen. Über die, aus römischer Sicht, stets deutlich zu liberale Diözese Linz ist mit Gerhard Maria Wagner ein Auxiliarbischof gekommen, der der einst so wohltuend bunten Kirchengemeinde die letzten Farbtupfer nehmen wird. Überraschend kam diese Entscheidung nicht, vielmehr ist die Bestellung Wagners wohl das letzte Mosaikstück im konservativen Zukunftsbild des Papstes für die abtrünnige Diözese.

Zunächst hat man mit vatikanischem Nachdruck den in Rom unliebsamen Bischof Maximilan Aichern in den Ruhestand verabschiedet und mit Ludwig Schwarz als Nachfolger den konservativen Richtungswechsel eingeleitet. Jetzt kommt ein Gottesmann, der sich vor dem Zauberlehrling Harry Potter fürchtet und einer breiteren Öffentlichkeit bislang einzig und allein mit abstrusen Theorien zu Naturkatastrophen aufgefallen ist. Ereignisse wie etwa den Tsunami in Asien nur in die Nähe einer "göttlichen Strafe" zu rücken zeigt, welch verworrenes Gedankengut der designierte Weihbischof so in sich trägt. Aus Sicht der heutigen katholischen Theologie ist es fernab jeglicher Lehrmeinung unverantwortlich und völlig unangebracht, Naturereignisse und die Moralität des Menschen auf eine Ebene zu stellen. Besonders tragisch ist, dass Wagner seine zynischen und fundamentalistischen Bibelauslegungen nicht im Windischgarstener Pfarrstüberl unter Mitbrüdern im Geiste von sich gegeben, sondern wohlüberlegt via Pfarrblatt unter seine Schäfchen gebracht hat - und trotz massiver Kritik bis heute daran festhält.

Doch letztlich zeigt die (personelle) Entwicklung in der Diözese Linz auch klar, dass Rom aus pastoralen Fehlentscheidungen in Österreich nichts gelernt hat und allzu liberale Tendenzen mit der Konservativ-Keule zerbröselt.

Rückblende 26. April 1987: Kurt Krenn muss über einen "Menschenteppich" und unter Polizeischutz in den Stephansdom getragen werden. Unzählige protestieren gegen die Ernennung Krenns zum Weihbischof von Wien. Nur ein Jahr zuvor kürte Rom in Eigenregie Hans-Hermann Groër zum Bischof von Wien, zwei Jahre später zum Kardinal. Es war der Versuch, mit der päpstlichen Brechstange die Erzdiözese Wien nach der Ära König wieder auf Linie zu bringen. Ausgelöst hat die Entscheidung über das Kirchenvolk hinweg letztlich einen Flächenbrand in der gesamten österreichischen Kirche. Zündstoff waren damals vor allem die "Affäre Groër" und die späteren "Bubendummheiten" in St. Pölten.

Und doch wurden jetzt wieder Wünsche und Warnungen ignoriert. Für die Diözese Linz hätte es schlimmer wohl kaum kommen können. Der Unmut an der oberösterreichischen Kirchenbasis über die stete Zurückdrängung der Laien - etwa durch bischöfliche Entscheidungen wie ein Taufverbot für Laien - ist ohnedies groß, der Ruf nach Reformen in der Diözese Linz besonders laut. Mit der Ernennung Wagners wurde die Hoffnung darauf im Keim erstickt. Gewonnen haben letztlich die Vernaderer, jener kleine Kreis mit ausgezeichneten Kontakten nach Rom, der schon Bischof Aichern das Leben schwer gemacht hat und jetzt Wagner ins Amt verholfen hat. Verloren haben jene, die tagtäglich in den Pfarren aktiv sind und deren Engagement letztlich die Kirche am Leben hält.

Bezeichnend ist vor allem eine der ersten Reaktionen des künftigen Weihbischofs, als dieser mit der Wahl konfrontiert wurde: "Ich habe in den letzten Wochen immer gehofft, dass es jemand wird, der es besser kann als ich." Ja um Gottes Willen, warum wurde der Mann denn nicht erhört? (Markus Rohrhofer/DER STANDARD-Printausgabe, 3. Feber 2009)

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