Jazz-Aphorismen für den Krisenmarkt

2. Februar 2009, 18:23
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US-Jazzgitarrist John Scofield widmet sich auf seiner neuesten funkigen CD "Piety Street" dem Gospelrepertoire - Der Künster im Gespräch

Ein Gespräch über CD-Branche, Downloads, Barack Obama und die Wirtschaftskrise.

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Wien - Gerade wenn man - wie Gitarrist John Scofield - in einer mittlerweile komfortablen Position ist, da man als einer der wichtigsten Instrumentalisten des Genres erkannt wird, spürt man, wie dünn das CD-Branchen-Eis ist. Ein Jazzstar zu sein bedeutet eben noch lange nicht, dass die sehr soliden Margen, die man mit seinen CDs erzielt, die veröffentlichende Firma auch wirklich sättigen. So ist Scofield, den das Label Verve einst von Blue Note weggeholt hat, schon vor einer Weile durch Verve (wie auch Al Jarreau und George Benson) aussortiert worden. Seine Landung war weich. Ja, eigentlich wurde er nur innerhalb des Riesenkonzerns Universal verschoben - zu emarcy, das wie Verve zum Universal-Verbund gehört.

Allein, dieser Rauswurf samt weicher Landung erinnert Scofield daran, dass seine Präsenz bei einem Major-Label eine Art permanenter Lottosecher ist, also einen Jazzluxus darstellt, der über Nacht enden kann. "Keine Ahnung, wie das weitergeht. Solange sie mich CDs aufnehmen lassen, werde ich dies tun. Ich habe mich jetzt schon gewundert, dass man mich nach Wien eingeflogen hat, damit ich Werbung für meine neue Veröffentlichung mache. Durch die momentane Wirtschaftskrise wird ja alles auch in diesem Bereich nicht besser!" Das mit der Krise sei beängstigend "und offenbar noch nicht zu Ende, womöglich erst am Anfang. Wenn die nicht schon so viel Geld in das System hineingepumpt hätten, wäre es offenbar kollabiert. Aber was heiß das, es wäre kollabiert? Ich verstehe das alles eigentlich gar nicht." Er selbst hat an der Börse nicht viel verloren.

"Ich bin Musiker, ich hatte nie viel Geld. Vor ein paar Jahren habe ich dann veranlagt und nun etwas verloren. Nicht schlimm. Keine Ahnung, ob Barack Obama etwas tun kann. Die Erwartungen sind so hoch, als wäre er Jesus - wie kann man dem überhaupt gerecht werden? Natürlich: Wir sind George W. Bush losgeworden, und das ist eine sehr gute Sache!"

Klang der Downloads

Sollte es einmal keine CDs mehr geben, würde Scofield womöglich im Internet einzelne Titel veröffentlichen. "Ich hatte diese Idee, aber bis dato war das ja nicht nötig. Man lässt mich noch arbeiten. Es wäre schade um die CD. Sie passt zum Jazz, man kann quasi Themenalben aufnehmen. Das Problem mit Downloads ist auch, dass sie nicht gut klingen. Andererseits sind sie praktisch, ich lade auch Sachen herunter."

Der Mann aus Ohio fände auf diesem Wege auch eine Unmenge eigener Sachen. 1951 geboren, ist er schon ein ziemliches Weilchen Teil der internationalen Szene. Mit 22 ging er nach New York, obwohl ihm Gitarrenvorbild Jim Hall nach zwei Unterrichtstunden davon abgeraten hatte: "Er war sehr nett, meinte aber, es sei noch zu früh für New York, ich sollte in Boston bleiben. Ich ging dennoch." Nun ja, da ergaben sich bald Kooperationen mit Gerry Burton, Charles Mingus und Gerry Mulligan. Extrem hilfreich war natürlich auch das spätere Engagement bei Trompeter Miles Davis. Der Alte war damals, 1982, nach wie vor in einer hitzigen Elektro-Jazz-Phase und ließ Scofield gegen Saitenkollegen Mike Stern antreten. Davis schätzte das Konkurrenzklima.

Imitation misslungen

Schon damals war allerdings klar: Scofield Stärke war nicht die "Notenvertilgung" ; als Minimalist pflegt er einen entspannt-aphoristischen Personalstil, er "spricht" auf dem Instrument nur, wenn es etwas zu sagen gibt, und bleibt so frei von leeren Musikhülsen. Im Gegenzug trotzt er Einzelnoten extrem viele Facetten ab. Zudem hebt er gerne bluesige Ideen in abstrakte harmonische Bereiche.

Vielleicht wäre alles anders gekommen, "wenn ich einst Leute wie Wes Montgomery, George Benson oder Pat Martino zu kopieren vermocht hätte. Ich schwöre, ich hätte gerne wie die gespielt. Ich konnte es einfach nicht!"

Gott sei Dank. So war Scofield gezwungen, früh knappe, präzise Gedanken zu formulieren. Und in welchem Stilkontext er auch arbeitet - nun ist es auf Piety Street jener des funkig interpretierten Gospel -, er prägt die musikalische Umgebung. "Ich wollte jetzt einfach etwas für mich Neues machen. Und Gospel, das war jene Musik, die ich als Kind bewunderte, das war jene Musik, die aus den Kirchen kam, in die man als weißes Kind nicht hineinging. Außerdem komme ich vom Blues und Rhythm & Blues, danach war ich verrückt, und Gospel ist für mich die Zwillingsschwester dieser Stile."

Auf der CD wird durchaus auch heftig gesungen - aber nicht von Scofield selbst. "Glauben Sie mir, Sie wollen mich bestimmt nicht singen hören, ich kann es nicht. Nur bei einer Nummer bin ich im Background - gut versteckt." (Ljubiša Tošić, DER STANDARD/Printausgabe, 03.02.2009)

  • Jazzminimalist John Scofield: "Wir sind George W. Bush losgeworden, und das ist eine gute Sache."
    foto: hendrich

    Jazzminimalist John Scofield: "Wir sind George W. Bush losgeworden, und das ist eine gute Sache."

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