Kostbarer Auftritt der Raritäten

2. Februar 2009, 18:18
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Simon Rattle und Daniel Barenboim

Salzburg - "Ich bin der Welt abhanden gekommen", sang Magdalena Kozená und schwebte den philharmonischen Geigen nach in elysische Gefilde. "Gestorben dem Weltgetümmel" ist dabei wohl auch der eine oder andere Zuhörer - und niemand fragte sich beim Philharmoniker-Konzert im Großen Festspielhaus unter Sir Simon Rattle, wie denn nun Mahlers Rückert-Lieder in die Programmdramaturgie der Mozartwoche passen. Es dürfe immer auch "Solitäre" außerhalb des Konzepts geben, sagte Stephan Pauly, der Leiter der Internationalen Stiftung Mozarteum, etwa auf die Frage nach den 24 Chopin-Préludes, die nächstes Jahr im Mozart und Kurtág gewidmeten Festival auftauchen.

Von den drei angekündigten Varianten der "Rosenarie" der Susanna im Figaro ist dann am Samstag leider nur eine erklungen: Kozená sei, so hieß es, nicht ganz gesund. Gesungen hat sie jene Arie, die Mozart verworfen und Charles Mackerras rekonstruiert hat: eine seltene Begegnung. Ebenfalls eine Kostbarkeit, anstelle der entfallenen Arien kurzfristig ins Programm genommen, Debussys "Danse sacrée und Danse profane" mit Xavier de Maistre an der Soloharfe. Eine grandiose Wiedergabe: schlank und tänzerisch die Harfe, klangsinnlich und transparent begleitet von den Streichern.

Einen weiteren Akzent in diesem bunten Programm-Mix setzte Sir Simon Rattle mit Joseph Haydns Symphonie G-Dur Hob. I:88, die er mit immer wieder verblüffender Differenzierungskunst und -lust gestaltete. Die Variationen im langsamen Satz etwa kamen trotz der zarten Grundstimmung in der Phrasierung vielfältig akzentuiert und in der Lautstärke fein differenziert daher, der Trio-Abschnitt des Menuetts als lustvoll-derbe Leierkasten-Nummer.

Dramaturgisch geschlossener, aber musikalisch weniger ergiebig war das Solistenkonzert am Sonntag mit Daniel Barenboim und Elena Bashkirova. So spannend jede Begegnung mit dem begnadeten und charismatischen Dirigenten, Orchestererzieher und Friedensarbeiter ist, so verzichtbar war die Begegnung mit dem Pianisten Daniel Barenboim im Mozarteum.

Auch ohne die ausnahmehaft feinen, differenzierten und tief blickenden Mozart-Interpretationen von Mitsuko Uchida, die man noch lange im Ohr haben wird, wären Barenboims dieses Mal undifferenzierte Lesarten der Fantasie c-Moll KV 475 und besonders der Sonate c-Moll KV 457 aus dem Kontext der Mozartwoche herausgefallen.

Ein Lichtblick waren immerhin die Fünf Orchesterstücke op.16 von Arnold Schönberg in der Fassung für zwei Klaviere von Anton Webern. Man vernahm eine klanglich fein differenzierte Wiedergabe, mit der Daniel Barenboim und seine Gattin Elena Bashkirova den Übergang von romantischem zu zeitgenössischem Klang und Ausdruckswillen gekonnt spürbar machten. (Heidemarie Klabacher, DER STANDARD/Printausgabe, 03.02.2009)

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