Schlechte Zeiten, hartes Essen, fester Biss

2. Februar 2009, 23:00
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Wiener Anthropologe erstellte virtuelles 3-D-Modell eines Australopithecus-Schädels - Damit konnte er mit Forscherkollegen rekonstruieren, was vor 2,6 Millionen Jahren auf dem Menüplan stand

Wien/Washington - Haben Sie schon einmal von Mrs. Ples gehört? Zumindest unter Paläontologen und in Südafrika ist sie ein Star. Vor fünf Jahren wurde sie bei einer Fernsehshow immerhin auf Platz 95 der Rangliste der bekanntesten Südafrikaner gewählt. Dabei weiß man gar nicht ganz genau, ob Mrs. Ples überhaupt eine Frau war.

Von Mrs. Ples ist nämlich nur ein etwas ramponierter Schädel erhalten, der auf stolze 2,6 Millionen Jahre geschätzt wird. Immerhin weiß man, dass es sich um einen Australopithecus africanus handelt, von dem man freilich nun wieder nicht ganz sicher ist, ob er ein direkter Vorfahre des modernen Menschen war oder doch eine ausgestorbene Seitenlinie. Immerhin weiß man seit kurzem, was Mrs. Ples so gegessen hat: nämlich ziemlich harte Kost wie Nüsse und Samen.

An dieser neuen Erkenntnis, die heute im US-Fachblatt PNAS veröffentlicht wurde, hat wiederum der Wiener Anthropologe Gerhard Weber maßgeblichen Anteil. Der Spezialist für virtuelle Anthropologie - Gerhard Weber leitet das entsprechende von der EU geförderte Netzwerk - hat diesen besterhaltenen Schädel eines Australopithecinen in ein dreidimensionales Computermodell übertragen. Zur Vervollständigung hat er auch gleich noch paar Zähne eines anderen Zeitgenossen von Mrs. Ples eingearbeitet, da sie selbst zahnlos ist.

Dieses 3-D-Modell wiederum war die Grundlage für Berechnungen der mechanischen Belastungen des Gesichtsschädels mittels einer sogenannten "Finiter-Elemente-Methode", eines Berechnungsverfahrens im Ingenieurwesen. Dabei zeigte sich, dass das Gesichtsskelett von Australopithecus africanus an hohe Belastungen gut angepasst war, wie das internationale Forscherteam in PNAS schreibt.

Diese starke Beanspruchung trat während des Beißens mit den Vormahlzähnen auf, die vergrößert und durch eine Art Strebepfeiler im Nasenhöhlenbereich gestützt waren. Mrs. Ples konnte damit Nüsse und Samen aufknacken und zerkleinern. Und wenn diese harte Kost auch nicht ihre bevorzugte Nahrung gewesen sein mag, so half sie im Notfall, harte Zeiten zu überstehen. (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Printausgabe, 03.02.2009)

  • Der Schädel von Mrs. Ples im Original und im 3-D-Modell. Rote und gelbe Färbung gibt Stellen hoher Belastbarkeit an.
    foto: g. weber

    Der Schädel von Mrs. Ples im Original und im 3-D-Modell. Rote und gelbe Färbung gibt Stellen hoher Belastbarkeit an.

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