Die Utopie, von Würmern zu leben

2. Februar 2009, 18:00
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Ökonomische Krisen und existenzielle Grenzerfahrungen: Die Stärken des 38. Filmfestivals von Rotterdam lagen in einem widerborstigen Kino, das sich dem globalen Einerlei entgegenstellt

Das Filmfestival Rotterdam - und darauf ist man hier stolz - gehört den Regisseuren, nicht den Stars. Beweise finden sich zuhauf: Es kann zum Beispiel vorkommen, dass man gerade aus dem Kinosaal kommt und im Foyer an einem Gespräch mit Claire Denis über ihren neuen Film 35 Rhums hängen bleibt. Küchengeräte, sagt die Filmemacherin in diesem Augenblick in charmant französisch gefärbtem Englisch, sie liebe alle Küchengeräte - egal ob Toaster, Mixer oder Reiskocher.

Ein weiteres bestimmendes Merkmal des Festivals, dem in diesem Jahr ein sanftes Facelifting verpasst wurde, ist sein Fokus auf ein junges Kino abseits des Mainstreams. Wenn man hier eine Woche lang Filme sieht, hat man sich mindestens einmal über den Erdball bewegt. Die eklektische Perspektive von Danny Boyles Oscar-nominiertem Slumdog Millionaire, der verschiedene Kinostile zum global verständlichen Popmärchen fusioniert, ist der entfernteste Pol. Die Mehrheit der Filme ist rau, eigenständig - und vor allem in der eigenen Kultur verankert.

Ein Beispiel: Agrarian Utopia, ein Film des Thailänders Uruphong Raksasad, der mit Attacken eines Oppositionspolitikers auf den Wirtschaftskurs des Ministerpräsidenten Abhisit Vejjajiva beginnt. Es bildet den Rahmen für ein ökologisches Projekt, das wie in einem Dokumentarfilm begleitet wird, in Wahrheit aber ein politischer Akt der Veranschaulichung ist. Raksasad lässt Bauern eine Saison lang Reisfelder auf traditionelle Art bestellen, ohne Zuhilfenahme moderner Geräte - eine Rückkehr zu Arbeitsformen, die im gegenwärtigen Thailand allmählich verschwinden.

Die Utopie liegt im Ausscheren aus marktwirtschaftlichen Zusammenhängen. Ohne zu beschönigen, demonstriert der Film jedoch auch, dass diese Rousseau'sche Fantasie mit kräfteraubendem Engagement (und Verspeisen von proteinspendenden Würmern) verbunden ist. Spätestens mit der Regenzeit, wenn die Geräte im Schlamm steckenbleiben, wird offensichtlich, dass der Weg zurück nur als Gegenbild zu einer umfassenden Entfremdung funktioniert.

Ein wendiger Film zur Krise, wenn man so will. In die umgekehrte Richtung bewegt sich die US-Filmemacherin Lee Anne Schmitt in ihrem Essayfilm California Company Town. Sie sucht Boomtowns und Industriestandorte des Bundesstaates auf, die mittlerweile stillgelegt sind oder aufgegeben wurden. Mit aufmerksamem Auge für Details entwirft sie eine Geschichte enttäuschter Hoffnungen - oder, treffender: eine falscher Versprechungen diverser Privatunternehmen.

"By the way: Have a Happy New Year" , lautet eine Botschaft auf einem Zettel an gekündigte Mitarbeiter, während Ronald Reagan in einem Archivbeitrag Umweltbewusstsein schürt - im Auftrag der Ölindustrie: Bei Schmitt, die wie James Benning oder Thom Andersen aus dem Umfeld der CalArts-Uni kommt, gelangen Bilder zu ihrem Recht, die die Ideologie des Fortschritts konterkarieren.

Freitod durch Verhungern

In die selbstgewählte Verbannung der Natur tritt dagegen der Erzähler aus The Sound of Insects - Record of a Mummy, dem neuen Film von Peter Liechti. Der mit einer Werkschau gewürdigte Schweizer Regisseur stützt sich darin auf einen Text des japanischen Autors Shimada Masahiko: Ein Mann sucht sich einen Platz zum Sterben, inmitten eines Waldes, wo ihn niemand finden kann.

Er möchte sich zu Tode hungern - ein Fanal für ein unbedeutendes Leben, wie er einmal sagt. In assoziativen Bild- und Tonmontagen überlagern sich in The Sound of Insects Naturaufnahmen mit traumartigen Visionen, die durch einen trockenen Off-Kommentar geerdet sind. Liechti gelingt es auf diese Weise, eine Grenzerfahrung greifbar zu machen - paradoxerweise mit Bildern, die voll irdischer Schönheit sind.

Bereits mit einigen Vorschusslorbeeren reiste La Nana vom Chilenen Sebastian Silva an: Der Film erzählt von der Haushälterin Raquel, die ihr Leben bei einer bürgerlichen Familie zubrachte, nun aber nur noch mürrisch und verschlossen ist. Sie ist Teil dieses Universums und durch ihre Rolle doch immer davon ausgeschlossen. Und sie duldet keine Hilfskraft neben sich. Was in anderen Händen leicht zur sentimentalen Außenseiterstudie geworden wäre, wird bei Silva zur Tour de force einer renitenten Person, die bisweilen den surrealen Witz eines Buñuel entfaltet. Raquel war in Rotterdam die mieselsüchtigste Heldin aller Küchengeräte. (Dominik Kamalzadehaus Rotterdam, DER STANDARD/Printausgabe, 03.02.2009)

Nachlese:Ein Festivalstandort als Projektionsfläche Kleinste Filme bekommen in Rotterdam wieder größte Aufmerksamkeit

  • Ein Reisfeld als Experimentier-fläche - und düstere Visionen des
Sterbens: die thailändische Doku-Fiktion "Agrarian Utopia".
    foto: filmfestival rotterdam

    Ein Reisfeld als Experimentier-fläche - und düstere Visionen des Sterbens: die thailändische Doku-Fiktion "Agrarian Utopia".

  • Peter
Liechtis "The Sound of Insects - Record of a Mummy".
    foto: filmfestival rotterdam

    Peter Liechtis "The Sound of Insects - Record of a Mummy".

  • "La Nana" vom Chilenen Sebastian Silva.
    foto: filmfestival rotterdam

    "La Nana" vom Chilenen Sebastian Silva.

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