Kunst und Café

15. August 2003, 21:14
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Es ist ganz sicher keine Lüge, wenn ich behaupte, dass ich meine Jugend in Graz zum Großteil in den diversen, damals noch wirklich kulturhauptstädtisch noblen Kaffeehäusern verbrachte. Schon als Kind pendelte ich zwischen den Kaffeehausresidenzen meiner Eltern. Meine Mutter saß mit ihren Freundinnen im Herrenhof. Meist war Tante Hermine dabei, eine Nichte Anton von Weberns. Oder auch die Schwägerin des Malers Wilhelm Thöny.

Wenn mich die vom Damenkränzchen behandelten Themen langweilten, brauchte ich nur ein paar Schritte weiter ins Operncafé zu gehen. Dort traf sich mein Vater meist mit einem Herrn, der meinen besonderen Respekt genoss. Er hieß Heller. Und es adelte ihn fol-gende Geschichte:

Lange bevor Graz als Kulturhauptstadt von sich reden machte, gelangte sie als "Stadt der Volkserhebung" zu beachtlichem interna-tionalem Ansehen. Als Herr Heller zu dieser Zeit einmal in der Straßenbahn saß, trat ein offenbar besonders Volkserhobener vor ihn und sagte: "Schauen Sie, dass Sie von da verschwinden, Sie Saujud!" Um seinen Worten besonderen Nachdruck zu verleihen, spuckte er Herrn Heller auch noch ins Gesicht.

Herr Heller tat, wie ihm geraten. Zehn Jahre später wollte es der Zufall, dass Herr Heller in der Straßenbahn mit seinem einstigen Ratgeber wieder zusammentraf. Da trat nun Herr Heller vor diesen hin, bedankte sich für den damaligen Hinweis und erstattete ihm korrekt zurück, mitten ins Gesicht, was er von diesem mit auf den Weg bekommen hatte.

Zudem spielte im Operncafé jeden Nachmittag eine Salonkapelle. Dies war dann der Auftakt zu einem vielstimmigen Konzert, das in Graz allabendlich - ob im Keplerkeller, der Opernbar, der Herrenhofdiele, im heute noch existierenden Theatercafé oder den diversen Bars - bis in die Morgenstunden ertönte.

Und einmal begab es sich, dass der damalige Kulturreferent der Steiermark und spätere Wirtschaftsminister, DDDr. Udo Illig, vom Spiel des Pianisten in der Ringbar so begeistert war, dass er ihn spontan zum Leiter der Neuen Galerie ernannte. Sein Name: Walter Koschatzky.

Doch das ist nicht der einzige Musiker, der in der Kulturhauptstadt Graz in die höchsten Ränge des Kulturlebens aufstieg. Auch Fritz Waidacher, langjähriger Chef des Joanneums, ist als Mitglied der Murwaterramblers ein Posaunist und Schlagzeuger von Graden.

Und so mancher Grazer Opernfreund wird sich daran erinnern, dass er an gar nicht so wenigen Abenden im Orchestergraben den gestrengen Staatsanwalt des Oberlandesgerichts, Alfons Summer, am Schlagzeug werken sah und hörte.

Diese tiefe Vernetzung von Kunst und Alltag ist ganz sicher einer der wesentlichen Faktoren, denen Graz seinen gegenwärtigen Ehrentitel dankt. (DER STANARD, Printausgabe vom 8./9.3.2003)

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