
Der deutsche Bassbariton Thomas Quasthoff: "Von Mozart haben wir genug gehört!"
Ein Gespräch über Sängermut und einen von ihm gegründeten Sängerwettbewerb.
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Wien - "Hand aufs Herz: Von Mozart haben wir jetzt genug gehört", so Thomas Quasthoff zum Sinn des Haydn-Jahrs. "Was kennen wir schon wirklich von Haydn? Die Symphonien? Genau? Es wird nicht so werden wie im Mozartjahr. Bei Haydn wird die Musik im Vordergrund stehen, und damit kann ich wunderbar leben. Ob man aber wirklich alle seine Opern spielen muss - da mache ich einen langen Gedankenstrich dahinter." Quasthoff darf das. Für seine neueste CD hat er sich mit Haydns Opern intensiv beschäftigt. Und es war Neuland für den Bassbariton aus Hildesheim.
Die Schöpfung und Die Jahreszeiten hat er zwar oft gesungen, aber "die Oratorien sind weniger offensichtlich emotional. Da liegt die geistliche Hülle darüber, aus der man nicht ausbricht." Diesen Schutzmantel böten die Arien nicht - "da heißt es ran an die eigenen Emotionen! Da ist wirklich alles drin - Fröhliches, Dramatisches, Böses und Humorvolles. Es gibt nur ganz wenige Sänger, die sich das trauen", so der 49-Jährige. Grundsätzlich gelte ja für seinen Berufsstand: "Der Musiker muss Seelenzustände zeigen. Es reicht nicht, schön, legato, laut und leise zu singen. Zur Auslotung einer Bühnenfigur sollte man an die eigenen Grenzen gehen. Nur so erlangt die Stimme Farben."
Wie bei ihm. Die schillernden Nuancen seines Bassbaritons machen Quasthoffs Stimme ja unverwechselbar, natürlich auch das richtige Repertoire: Aus über fünfzig Arien hat er für Haydn Italian Arias (bei Universal) ausgewählt, was ihm am besten liegt. "Nicht Koloraturen, sondern lange, melodische Linien, in denen meine Stimme strömen kann." Eine Wurzel für die "Farblosigkeit" des Singens, die Quasthoff momentan registriert, sieht er auch im Verlust alter Traditionen. "Nach dem Krieg ist die Tradition des Singens weggebrochen. Es wird auch keine Hausmusik mehr gemacht, die Gepflogenheit des Kammermusizierens ist weggefallen. Es werden auch keine Gedichte gelernt."
Der Liedpädagoge
Klar deshalb auch, dass Quasthoff viel an Liederabenden liegt: "Da geht es um vertonte Gedichte, die Musik stellt die Symbiose mit dem Wort her. Der Liederabend ist die ursprünglichste Kunstform zwischen Künstler und Publikum." Er kümmert sich nicht nur als Interpret um diese Form. Quasthoff unterrichtet auch an der Berliner Hanns-Eisler-Hochschule. Und er hat einen Liedwettbewerb ins Leben gerufen, der im Februar erstmals in Berlin stattfindet.
"Wir kommen ohne einen Cent Subvention aus", betont Quasthoff und nennt Oetker und BMW als Sponsoren, denn immerhin: "Alle Preise sind Stipendien für ein Jahr. Mit 2500 Euro im Monat hat ein junger Sänger die Freiheit, sich lange mit dem Lied zu befassen." Neben finanzieller Unterstützung sollen auch Engagements den Nachwuchssängern Starthilfe leisten. "Ich habe mit den Konzerthäusern und Veranstaltern Kontakt aufgenommen, die mich seit vielen Jahren begleiten. Verbier, Luzern, Baden-Baden, Köln, Berlin, London und natürlich Wien. Das ging alles ganz rasch. Ich habe mich gefreut, als Thomas Angyan im Musikverein zusagte und meinte: 'Wenn der Quasthoff kommt, ist das voll.'"
Man wird seine Auslastungsqualitäten bald überprüfen können. Quasthoff kommt am 11. und 12. Februar nach Wien in den Musikverein, um Dvoøák zu singen, und im März, um sich dem Barock zu widmen. Opernbühnen hingegen haben keine Priorität mehr. Es muss Zeit bleiben für Privates. Seit 2006 verheiratet, genießt Quasthoff mit Tochter Lotte, die seine Frau mit in die Ehe brachte, das Erzieherdasein. Und ja, zur Familie gehört auch eine weitere "Dame": Rauhaardackel Elli, offenbar auch ein Quasthoff-Fan. "Wenn ich zu singen beginne, kommt sie angelaufen und rollt sich auf einem Sessel neben mir zusammen." (Petra Haiderer, DER STANDARD/Printausgabe, 01.02.2009)
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