"Europa überwindet Krise schneller"

1. Februar 2009, 19:13
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Mit seinen Warnungen vor der Finanzkrise hat sich Jan Hatzius wenig Freunde gemacht. Warum er für 2010 vor allem in den USA nur eine bedingte Erholung erwartet

Standard: Sie haben schon im Frühjahr 2006 gewarnt, dass die US-Wirtschaft sich eindeutig im Abwärtstrend befindet. Ihre Prognosen von damals sind heute richtiger, als Ihnen vielleicht lieb ist.

Hatzius: Ich hatte eine Rezession erwartet, aber die Tiefe der Krise hat keine Parallele in der Nachkriegsgeschichte Amerikas. Ich vermute, dass wir zumindest noch einen Großteil des Jahres 2009 in der Rezession verbringen werden. 2010 sehen wir dann eine gewisse Erholung - aber auch die wird nicht wirklich durchgreifend sein.


Standard: Ist es vorstellbar, dass die USA sich - wie andere Male zuvor - wieder am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen?

Hatzius: Das ist diesmal viel schwieriger, weil das Finanzsystem stärkeren Schaden genommen hat und weil die Zinsen schon gen Null tendieren. Die US-Notenbank hat also nicht mehr die Möglichkeit, durch Zinssenkungen einen kräftigen Aufschwung herbeizuführen.


Standard: Einen Hoffnungsträger gibt es dennoch: Barack Obama. Der neue Präsident will Steuern senken und Milliarden von Dollar in die Infrastruktur investieren.

Hatzius: Das wird ganz klar für Impulse und Wachstum sorgen. Die Frage ist aber, ob dieses Wachstum stark genug sein wird, um den kräftigen Anstieg der Arbeitslosenquote wieder rückgängig zu machen. Ich erwarte, dass die US-Arbeitslosenquote bis 2010 noch auf 9,2 Prozent klettert.


Standard: Die Banken vergeben kaum noch Darlehen. Washington will dem nun mit einer nationalen "Bad Bank" entgegenwirken, die den privaten Geldhäusern notleidende Kredite abkauft. Gut oder schlecht?

Hatzius: Es kommt drauf an, wie man diese Idee umsetzt. Wenn man sich etwa die Finanzkrisen in Japan oder Schweden zu Anfang der 90-er Jahre anschaut: Dort haben ähnliche Initiativen durchaus zur Bewältigung beigetragen. Aber der Teufel liegt im Detail. Die Frage ist, wie viel die US-Regierung letztlich für die faulen Investments der Banken zahlen wird. Zu viel wäre ebenso verheerend, wie zu wenig: Viele Papiere werden momentan nur deshalb so tief gehandelt, weil es den potenziellen Käufern an Mut fehlt.


Standard: In Bezug auf die Börse ist Ihre Bank dennoch optimistisch. Goldman Sachs glaubt, dass der S&P 500 Index an der Wall Street bis Jahresende 35 Prozent zulegen wird. Wie passt das zusammen?

Hatzius: Eine Menge schlechter Nachrichten sind schon in den Kursen eingepreist. Ich vermute, dass es deshalb erst einmal mit den Aktien etwas besser laufen wird. Meine Sorge ist aber, dass die Erholung der Wirtschaft längerfristig lahm bleibt. Vor allem für die zyklischen Sektoren, also Industrie-, Immobilien- und verbraucherorientierte Werte, könnte es deshalb schnell wieder bergab gehen.


Standard:
Eine Ökonomenweisheit besagt: Wenn die USA husten, holt sich auch der Rest der Welt einen Schnupfen. Was bedeutet die amerikanische Malaise für Europa?

Hatzius: Europa wird die Krise in den nächsten eins bis zwei Jahren etwas schneller überwinden, weil die wirtschaftlichen Ungleichgewichte wie Sparquote oder Leistungsbilanzdefizit in Europa erheblich geringer sind. Die Amerikaner haben lange Jahre über ihre Verhältnisse gelebt. In der EU gibt es zwar auch Länder wie Spanien oder Großbritannien, die über ihre Verhältnisse gelebt haben, aber das ist noch lange nicht so allgemeingültig wie für Amerika. (Beatrice Beatrice Uerlings, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.2.2009)

 

Zur Person: Der gebürtige Heidelberger Jan Hatzius (39) ist seit 1997 bei der Investmentbank Goldman Sachs. 2005 wurde er - als erster Europäer und Nachfolger von Bill Dudley - deren Chefvolkswirt für die USA. Er gehört damit zu den einflussreichsten Leuten an der Wall Street

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