Ferngespräch mit Gott, Korrespondenz mit einer Diva

1. Februar 2009, 18:58
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Schwer befrachtetes Doppel des Acco Theatre Center Israel - Hauchzartes Solo der Slowenin Mala Kline

Linz - Wer dazu auserkoren wurde, den Messias zu gebären, um das Leid vom jüdischen Volk zu nehmen, telefoniert am besten gleich mit Gott. Und so verlangt die beim Linz09-Gastspiel WishUponAStar des Acco Theatre Center Israel von nämlicher heilsgeschichtlicher Verpflichtung geplagte Protagonistin (auch Konzept und Regie: Smadar Yaaron) nach jenem, aus technischen oder terminlichen Gründen dann doch nie zustandekommenden Ferngespräch: "Good Evening, could you please connect me with the Lord?"

Das Pathos der Geschichte, die tonnenschwere Last der diesem Theater anhaftenden politischen Botschaften, federt das 1985 von David Maayan gegründete Acco Theater gern mit abgründigem Witz und Selbstironie ab. Die in Österreich vornehmlich durch die Wiener Festwochen bekannt gewordenen Produktionen korrespondieren eng mit den realen politischen Geschehnissen. Hat man zu Zeiten Yitzhak Rabins auch im Acco noch große Hoffnungen an den Friedensplan gehängt, führt die aktuellste Arbeit Death of the Dervish wieder mitten ins Kriegsgebiet.

WishUponAStar (2005) , eine von zwei nun bei Linz09 gezeigten Shows, zeichnet eine bizarre Erlösungsfantasie. Dabei ist die Symbolkraft eines dick mit Verbandszeug umwickelten Davidsterns überhaupt nur erträglich, weil dieser hauptsächlich als Zirkustrapez zum Einsatz kommt, das ferngesteuert vom Schnürboden der leeren Hafenhalle baumelt. Mal hängt er ganz oben, dann zieht ihn die Erzählerin runter, um ein Tänzchen zu wagen. Wiederum symbolkräftig zur Musik von Richard Wagner.

Die Wunden des jüdischen Volkes vermisst die Solodarstellerin am eigenen Körper, der sich im kecken Zirkusdress immer wieder in den sechseckigen Stern verkeilt. Ein Bild, das mit dem Zaunpfahl winkt. Mit Charme und interaktiven Ansätzen moderiert Acco-Star Smadar Yaaron durch ihre heilsgeschichtliche Vision. Der Gazastreifen wird hier zu so etwas Entzückendem wie einem weißen Strumpfband (Gaza-Strip).

Liaison mit einem Stern

Die lähmende Bedeutungsschwere dieser - Untertitel: - Fatal Love Story zwischen der Protagonistin und dem Davidstern vermag aber kein noch so guter Witz zu vertreiben. Und bevor Smadar Yaaron es endlich über die Lippen bringt zu sagen "I'm p...roud to be an Israeli", ist sie in erster Linie noch "pppolitically correct" oder "pppissed off" oder - endlich: "pregnant"! Es war fast zu erraten: Eine Zacke des Davidsterns war in die akrobatische Empfängnis involviert. Und noch während sie mit ihrem nun geschwächten Geliebten hinter den schwarzen Vorhang verschwindet, hätte man dieser Aufführung einfach nur weniger Totschlagargumente gewünscht.

Mit An Arab Dream, einer langfristig gültigen, vergnüglichen "Lehrstunde" in Sachen "gespaltene israelische Gesellschaft - sie stammt aus der Mitte der 1990er-Jahre -, ging das Acco Theatre ebenso aufs Ganze. Jüdische und palästinensisch-arabische Identitäten werden aus der jeweils anderen Perspektive unter die Lupe genommen, die hier keine Lupe ist, sondern etwa die Peitsche einer Domina-Soldatin der israelischen Armee. Wir lernen, wie eine Kaffia, das islamische Kopftuch, getragen werden kann; und man hört die schönste Antwort des Abends: "Wer hat Israel aufgebaut? Bauarbeiter."

Weit weniger inhaltliche Fracht und umso mehr konzeptuellen (und ästhetischen) Anspruch hatte das hauchzarte Solo der slowenischen Tänzerin und Choreografin Mala Kline zu tragen. Debut - In Erinnerung an das, was kommt ist ein überaus fein abgestimmter, dedramatisierter Abend zwischen einem Musiker (Robert M. Hayden) und einer Diva im weißen Pelz.

Zu Elektrobeats befreit sich diese vom Drama ihres Daseins: von der Fallhöhe - und geht selbst zu Boden, genauer: auf den Boden der Performance, auf dem Leinwand und Stimme, Körper und ein paar projizierte Sätze lebhaft miteinander zu korrespondieren beginnen ... (Margarete Affenzeller, DER STANDARD/Printausgabe, 01.02.2009)

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