Saladin und die Erbsenzähler

1. Februar 2009, 18:54
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Von Anwohnern im Nahen Osten erzählt das Stück "Territories" der US-palästinensischen Autorin Betty Shamieh

Eine Meditation über Kulturtechniken, bravourös erstaufgeführt im Linzer Eisenhand-Theater.

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Linz - Im Sandkasten, der die Bühne im Linzer Eisenhand-Theater wie ein Gartenbeet der Länge nach teilt (Ausstattung: Alexandra Pitz), liegen safrangelbe Kichererbsen. Fußspuren verlieren in dieser jordanischen Wüstenei sofort die Konturen. Auch alle Figurenumrisse sind in dieser nahöstlichen Kriegsdeponie lediglich Muster ohne Wert.

Gemeint ist die Ära der Kreuzzüge rund um 1180: die widersprüchliche Zeit einer brüchigen, durchwegs auf Gewalt und Abschreckung gegründeten Koexistenz der Konfessionen, deren Vertreter zusammengepfercht leben in einer höchst explosiven Mischung aus wechselseitiger Anerkennung und grenzenlosem Hass. Das Stück Territories der aus Palästina gebürtigen Amerikanerin Betty Shamieh, als Beitrag für Linz09 entgegengenommen und vom Schauspielchef Gerhard Willert ins Deutsche übersetzt, erzählt vom viel strapazierten "Clash of Civilizations".

Spiel der Anerkennung

Die an Epilepsie leidende Schwester des berühmten Sultans Saladin tritt wider alle Warnungen die Reise nach Mekka an. Prompt fällt sie Renaud de Châtillon (Lutz Zeidler) in die Hände. Dieser Kreuzritter von der widersprüchlichen Gestalt verfügt über Arabischkenntnisse. Er entwickelt neue Foltertechniken, gibt aber gegenüber seiner prominenten Gefangenen zugleich den sadistischen Genießer, der um sexuelle Anerkennung buhlt.

Ein wunderbares Kunststück: Shamies Stück leistet die Aufhebung des Scheherezade-Mythos. Zu Protokoll gegeben werden in ihm die fiktiven Verständigungsübungen innerhalb einer Weltgesellschaft, die auch der blindeste Fanatiker nicht auseinanderzureißen vermag.

Zugleich verzeichnet Territories einen ganzen Katalog von Machttechniken: Zugegriffen wird auf den vergleichsweise schutzlosen Körper der Frau. Nicht nur der vierschrötige Renaud macht sexuelle Ansprüche auf sie geltend; auch ihr Bruder (Sebastian Hufschmidt), kahl, streng, von kalter Rationalität, erstickt Alia (Nicole Reitzenstein) während langer Erörterungen mit Proben einer Fürsorge, die nichts als die Kontrolle des schwesterlichen Eigensinns im Blick haben.

Ein betörend kluges Elaborat, das obendrein die Zeitenfolge aufhebt. In Willerts karger Inszenierung erhebt sich über diesen drei hochmodernen Gotteskriegern ein Gefühl der Unbehaustheit: Jeder würgt und stirbt hier für sich allein. Wie in einem Stück von Marivaux reißen zwischen diesen Verzweifelten Gräben der Verstehensinkompetenz auf.

Unduldsamkeit regiert Verhältnisse, die bereits im 12. Jahrhundert unlösbare Widersprüche aufgeworfen haben mochten. Über der ungreibaren Verstellungskünstlerin Reitzenstein, über den plump rationalen Vertretern der männlichen Herrschaftslogik, die sie folgerichtig aufeinander hetzt, webt und tickt aber die serielle Bühnenmusik Christoph Coburgers. Ein verstörendes Telefonklingeln und Eisenbahnsignaltönen, das sehr dringlich an die Aufhebung jenes Umstandes erinnert, der die Weltkulturen einst voreinander auf Distanz hielt: räumliche Ferne.

Eine bravouröse Erstaufführung, die im Rahmen von Theaterlust1: Schneesturm den Linzer Winter verdienstvoll abschmolz. (Ronald Pohl, DER STANDARD/Printausgabe, 01.02.2009)

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