"Abseits vom Normalweg findet man Ruhe"

1. Februar 2009, 18:37
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Gerlinde Kaltenbrunner und ihr Ehemann Ralf Dujmovits über Beweggründe, Sponsoren, Druck, Kommerz, Risiko und Lust - Doppel-Interview

Standard: Drei Frauen waren schon auf je elf von 14 Achttausendern. Gerlinde Kaltenbrunner, die Spanierin Edurne Pasaban und die Italienerin Nives Meroi. Sie wollen von einem Wettlauf nichts wissen. Alle drei leben von Sponsoren und öffentlichem Interesse. Erhöht das nicht den Druck im Wettlauf, der angeblich keiner ist?

Kaltenbrunner: Ich bestreite, dass man nur deshalb Sponsoren kriegt. Meine Sponsoren versichern mir oft, für sie sei es das Wichtigste, dass ich wieder gut zurückkomme. Natürlich freuen sie sich, wenn ich einen Gipfel besteige. Aber da ist kein Druck.

Dujmovits: Ich glaube, es soll und wird sich anders abspielen als bei den Männern. Da hat man hinter dem Messner den Polen Jerzy Kukuczka fast vergessen. Wir sind in keiner Arena. Es geht beim Bergsteigen auch darum, das Risiko in Grenzen zu halten. Das Risiko auf dem Fußballplatz ist, dass man eine getreten bekommt. Beim Bergsteigen ist das Risiko größer.

Kaltenbrunner: Mich erstaunt, wie oft mir andere Bergsteiger erklären, sie zählen auf mich, sie glauben, ich werde die Erste sein. Solche Überlegungen sind Blödsinn.

Standard: Im Alpinstil, ohne künstlichen Sauerstoff, allein gehen - das ist die eine Seite. Die andere - geführte Expeditionen, Kommerz. Wie passt das zusammen?

Dujmovits: Es schlagen manchmal zwei Herzen in meiner Brust. Meine Firma Amical hat früher zahlende Gäste auch am K2 erfolgreich geführt, 1992 und 1996 hab ich den Everest angeboten. Dann hab ich das sein lassen. Ich denke, dass wir dort oben nicht genug Sicherheit anbieten können. Ich nehme jedenfalls zu den Achttausendern nur Leute mit, von denen ich weiß, dass sie gut genug sind.

Standard: Wenn man sich im Basislager Julia-Roberts-Filmen ansehen kann, ist das nicht fast pervers?

Dujmovits: Abseits vom Normalweg findet man Ruhe und Herausforderung. Aber auf dem Normalweg muss man damit rechnen, dass dort Leute sind, die sich auch einmal anders unterhalten möchten als im Zelt mit einem Buch im Kerzenschein. Es gibt Zelte, wo Videos aufliegen, eine Bäckerei, Internetcafés in Everest-Basislagern. Ich muss zugeben, dass ich das eine Zeitlang mit angeschoben habe. Aber das sind Auswüchse, die ich nicht brauche. Wenn Gerlinde und ich unterwegs sind, leben wir viel spartanischer.

Standard: Sie haben abgemacht, sich gegenseitig am Berg nicht zu beeinflussen. Wäre es möglich, dass Sie heuer den Lhotse gemeinsam angehen - einer dreht um, und der andere geht allein rauf?

Dujmovits: Die Einschränkung ist die, dass der eine nur selbstständig absteigen darf, wenn es ihm gut geht. Daran halten wir uns.

Kaltenbrunner: Diese Abmachung ist sehr wichtig. Zwischen uns beiden muss es einfach stimmen. Wir versuchen schon, Entscheidungen gemeinsam zu treffen, aber letztendlich muss jeder von seiner eigenen überzeugt sein. Einmal waren wir schon in der Situation. Ralf ist an mir vorbei hinuntergestiegen, ich hab's noch kurz versucht und dann erst umgedreht.

Standard: Wenn der Partner an Ihnen vorbei runtermarschiert, lässt Sie das aber nicht unbeeindruckt.

Kaltenbrunner: Natürlich nicht. Ich hab auch meine Gedanken dazu, was den Ralf dazu bewegt, ob es ihm auch wirklich noch gut geht.

Dujmovits: In der Shisha-Pangma-Südwand 2004 bekam ich einen Steinschlag aufs Bein, da wollte ich zunächst allein absteigen. Nachher war ich froh, dass Gerlinde mit abgestiegen ist, weil ich bald nicht mehr auf dem Bein stehen konnte. Wenn es mir schlecht ginge, hätte ich kein Problem damit, sie um Hilfe zu bitten.

Standard: Mit der Höhe steigt das Risiko. Steigt mit diesem Risiko auch die Lust?

Kaltenbrunner: Für mich ist Bergsteigen nicht wegen des Risikos etwas Besonderes, für mich ist einfach die Gegend grandios. Wenn in der Früh hinter der Annapurna die Sonne aufgeht, ist man schlichtweg sprachlos. Und bis zu meinem Lebensende werde ich von Sonnenuntergängen nicht genug bekommen. Wegen dieser intensiven Momenten nimmt man die ärgsten Strapazen auf sich.

Dujmovits: Einige beziehen wohl die Lust am Risiko als antreibende Motivation mit ein. Ich persönlich hab dieses Gefühl nicht.

Standard: Wie viele tödliche Bergunfälle haben Sie miterlebt?

Dujmovits: In einer Gruppe von mir hatte ich noch keinen tödlichen Unfall. Mit dabei war ich 2004 am Gasherbrum I, wo beim Abstieg ein Spanier gestürzt und auf uns zugeflogen ist. Ich konnte die Gerlinde noch zur Seite stoßen, sonst hätte er sie mit in den Tod gerissen. Er ist 800 Meter tiefer liegen geblieben. Ansonsten sind über die Jahre viele gute Freunde nicht mehr zurückgekommen.

Standard: Frau Kaltenbrunner, am Dhaulagiri 2007 ging eine Lawine über Ihr Lager. Sie konnten sich befreien, zwei Spanier im Zelt neben Ihnen kamen um.

Kaltenbrunner: Gerade am Dhaulagiri, wo jeder dort sein Lager aufbaut, war es echt Schicksal. Ansonsten sind es sehr oft Fehler, die zu tödlichen Unglücken führen. Wie bei dem jungen Spanier, der an uns vorbeigestürzt ist. Der war schon mit letzter Kraft am Gipfel, ist über sein Limit gegangen.

Dujmovits: Reines Schicksal wie etwa der Abgang einer Lawine ist eher selten.

Standard: Was kommt nach den vierzehn Achttausendern?

Kaltenbrunner: Das Bergsteigen wird immer meine Leidenschaft bleiben. Der Nanga Parbat war ein Berg, der mich besonders begeistert hat. Ralf denkt da ähnlich. Zum Nanga Parbat auf einer anderen Route möchte ich gerne zurückkehren. Es gibt noch viele Berge, die wir besteigen möchten. Dass ich aufhöre, wenn ich alle 14 habe, daran habe ich noch nie gedacht.
(Fritz Neumann und Martin Grabner, DER STANDARD, Printausgabe, Montag, 2. Februar 2009)

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    Gerlinde Kaltenbrunner war kürzlich drei Wochen lang auf Kalymnos in Griechenland auf Urlaub. Oder auf Trainingslager.

    "Es sind sehr oft Fehler, die zu tödlichen Unglücken führen. Wie bei dem Spanier, der an uns vorbeigestürzt ist. Er war mit letzter Kraft am Gipfel, ist über sein Limit gegangen."

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