Mit der Kaffeemaschine gegen Schulschwänzerei

1. Februar 2009, 18:13
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Deutsche Kleinstadt will Eltern erziehen - Pünktlichkeit wird mit Rabattmarken belohnt

Es gibt mehrere Möglichkeiten, um an eine Kaffeemaschine zu kommen: Man kauft eine. Man lässt sie sich schenken. Man abonniert eine Zeitung und bekommt das Haushaltsgerät als Prämie. In der deutschen Kleinstadt Oer-Erkenschwick (Nordrhein-Westfalen) kommt womöglich bald noch eine weitere Option dazu: Kaffee auf Knopfdruck gibt es, wenn man seine Kinder pünktlich zur Schule schickt.

"Unser Bonussystem soll eine Art Schraubenzieher für besonders schwierige Fälle sein", erklärt Michael Hess. Er ist Jugendpfleger in der 30.000-Einwohner-Stadt und grübelte monatelang über ein Problem, das noch unzählige andere deutsche Kommunen beschäftigt: Wie schaffen wir es, dass Kinder aus sozial schwachen Familien nicht so viel Schule schwänzen? Sollen wir sie bestrafen? Oder lieber belohnen? Peitsche also, oder doch lieber Zuckerbrot?

Oer-Erkenschwick hat sich - als erste deutsche Stadt - für das Zuckerbrot entschieden und plant folgenden Modellversuch: Eltern, die der Schwänzerei ihrer Sprösslinge bisher tatenlos zusahen und die Zusammenarbeit mit dem Jugendamt oder der Schule verweigerten, sollen Rabattmarken erhalten: Kommen Tochter oder Sohn vier Wochen lang pünktlich in die Schule (was der Lehrer bestätigen muss), dann gibt es einen Gutschein über einhundert Euro.

Prämienkatalog wird zuvor festgelegt

Sorgen, dass das Geld flugs für Schnaps, Zigaretten oder andere Rauschmittel ausgegeben wird, muss man sich nicht machen. Die örtlichen Händler (Stichwort Ankurbelung der Konjunktur) dürfen nur vorher festgelegte Waren herausrücken. Nebst Kaffeemaschine etwa einen Grill, eine Kamera, ein Handy. Allerdings wollen der Oer-Erkenschwicker CDU-Bürgermeister und der SPD-dominierte Stadtrat für ihr Projekt vom Land Nordrhein-Westfalen Geld. Dort allerdings ist man wenig erbaut.

Hans Meyer, Jugenddezernent des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe, sieht darin ein "verheerendes Signal". Man diskriminiere Eltern von Schülern, die ihre Aufsichtspflicht wahrnehmen und die Kinder immer pünktlich zur Schule schicken. Auch die Vorsitzende des Elternvereins in Nordrhein-Westfalen, Regine Schwarzhoff, ist entsetzt: "Die Vorbildwirkung, die entsteht, ist fatal und kontraproduktiv." Experten verweisen auch auf das Grundgesetz und die Pflicht der Eltern, ihren Kindern Bildung zu ermöglichen - ganz ohne Kaffeemaschine. (Birgit Baumann aus Berlin/DER STANDARD Printausgabe, 2. Februar 2009)

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