"Politiker finden es schön, den lieben Gott zu spielen"

1. Februar 2009, 18:03
56 Postings

Unternehmensberater Roland Berger plädiert für die Schaffung einer "Bad Bank" in Europa

Standard: Die USA wollen jetzt eine "Bad Bank" machen, in die problematische Wertpapiere ausgelagert werden. Was halten Sie davon?

Berger: Die Amerikaner sind uns voraus, denn so bekäme jede Bank ihre schlechten Assets weg. Dadurch würde relativ rasch das Interbankengeschäft wieder in Gang kommen, die Banken würden wieder mehr Geld verleihen. Es muss nicht sein, dass der Staat die Papiere übernimmt. Denkbar wäre auch, eine Versicherungslösung oder Staatspapiere dagegenzustellen. Jedenfalls würde so das Vertrauen zwischen den Banken wiederhergestellt.

Standard: Warum sind die europäischen Regierungen zurückhaltend?

Berger: Sarkastisch gesagt: Die europäischen Politiker finden es ganz schön, Banker zu mimen, Geld in die Institute zu geben und so ein bisschen den lieben Gott zu spielen. Das trifft speziell auf Deutschland zu, unter der großen Koalition. Aber das gibt es in Österreich auch. Die Politiker denken da oft nicht rational genug. Das Konjunkturprogramm verdient nur die Note Befriedigend.

Standard: Österreichische Banken fordern ein Osteuropa-Hilfspaket von der EU. Ist das berechtigt?

Berger: Österreich hat die stärkste Bankenposition in Osteuropa, weil es am schnellsten war. Jetzt kann man nicht so tun, als gehöre diese starke Marktposition der Banken nicht zur österreichischen Wirtschaft. Die Banken spielen eine große Rolle. Wenn man an Bankenrettung denkt, muss man aus österreichischer Sicht auch deren osteuropäische Aktivitäten einbeziehen. Wird den Banken geholfen, wird sich die Position der österreichischen Wirtschaft in Osteuropa festigen. Für Österreich könnte das sogar eine Chance sein. Insgesamt glaube ich, dass die österreichischen Banken besser dastehen als die deutschen. Dort werden nicht alle überleben.

Standard: Glauben Sie, dass Brüssel aktiv wird?

Berger: Brüssel musste schon einen Teil seiner ordnungspolitischen Grundsätze auf Eis legen und erlaubt wegen der Krise etliche Ausnahmen. Ein Teil der Konjunkturprogramme sind direkte Subventionen in die Industrie, die Brüsseler Regeln verletzen. Vermutlich üben sowohl Deutschland als auch Frankreich auf Brüssel Druck aus, damit das Wiedererstarken der Wirtschaft derzeit über ordnungspolitischen Prinzipien steht.

Standard: Was war in Davos heuer anders als in den Jahren davor?

Berger: Davos ist zwar ein gutes Stimmungsbarometer, zeigte in diesem Jahr aber keine Wege aus der Krise. In den ersten Tagen herrschte fast Hilflosigkeit. Jeder brachte seine Sorgen mit in die Diskussion. Hier hätten alle nachdenken müssen, ob sie die Krise nicht mitverursacht haben. 2000 war Davos voll mit New Economy. Zwei Monate später begann die Blase zu platzen ... Auch hier wird gelegentlich zu wenig in die Zukunft gedacht.

Standard: Wie lange wird die Krise noch dauern?

Berger: Wenn wir in Europa eine "Bad Bank" einrichteten, könnte die Finanzkrise im Zweiten Halbjahr 2009 vorbei sein. Dann kann die Realwirtschaft in der ersten Hälfte 2010 wieder zu wachsen anfangen. Wenn "Bad Bank"-Lösungen hingegen lange dauern oder gar nicht kommen, kann die Bankenkrise noch bis 2010 vor sich hin dümpeln. Dann wird sich die Realwirtschaft erst Ende 2010 wieder in Bewegung setzen. Und erst 2011 wird die Wirtschaft wieder wirklich wachsen. (Alexandra Föderl-Schmid, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.2.2009)

Zur Person

Der Bayer Roland Berger ist Gründer der Unternehmensberatung Roland Berger. Das Unternehmen hat 36 Büros in 25 Ländern. Berger berät auch Politiker.

Share if you care.