"Was wir für die Arbeit brauchten, verstanden wir sofort"

1. Februar 2009, 12:53
445 Postings

Jeder achte Einwohner Halleins hat türkische Wurzeln - Von den älteren fühlen sich nur wenige hier wirklich zuhause

Hallein - Die zweitgrößte Stadt Salzburgs ist ein Industriezentrum mit einer beschaulichen Altstadt, einer langen Geschichte - und einem hohen Ausländeranteil: 18 Prozent von Halleins 20.000 Einwohnern waren bei der Volkszählung 2001 keine Österreicher; jeder Fünfte gab an, zu Hause nicht Deutsch zu sprechen. Mittlerweile sind über zwölf Prozent der Halleiner türkischer Herkunft, es gibt türkische Lebensmittelhändler, Kebabstände, Kaffeehäuser und gleich vier muslimische Gebetshäuser.

Begegnung im Park

Im Jahr 1970 war alles noch ganz anders, erinnert sich Nadir Mete: „Damals gab es hier ganz wenige Familien. Ich und mein Mann Sultan gingen im Park spazieren. Eine Frau und ein Mann saßen im Park auf dem Boden. Sie hatten eine Decke am Boden und aßen etwas. Ich hab mich ihnen genähert und bemerkt, dass sie Türkisch sprachen. Mutter und Sohn. Wir haben uns sehr darüber gefreut." Das Ehepaar Mete gehört zu den ersten Migranten, die vor bald vier Jahrzehnten in die Keltenstadt an der Salzach gekommen sind.

Ein Film als Spurensuche

Die beiden sind gemeinsam mit sieben anderen türkischen Einwanderern die Hauptpersonen des Films „Geteiltes Glück. Aus der Türkei zu Gast" der Salzburger Filmemacher Hans-Peter Traunig und Claudia Rohrmoser, der am 30. Jänner seine Premiere feierte. Die Dokumentation begibt sich auf die Spur der ersten türkischen Migranten in Hallein, wirft einen Blick in Wohnzimmer und Lokale Halleins, in die sich normalerweise kaum ein Angehöriger der deutschsprachigen Mehrheitsbevölkerung der Stadt verirrt.

Die wohl ersten türkischen Gastarbeiter in Hallein waren Nahide und Ahmet Yavuzer aus Kayseri. Sie leben seit 1967 in der Stadt. „Wir hatten in Kayseri eine Joghurtfirma gegründet", erzählt Ahmet Yavuzer. „Wir haben ein Jahr lang gearbeitet. Dann mussten wir aufgrund des Konkurrenzkampfs zwischen zwei Firmen Konkurs anmelden. Dann sind wir nach Hallein gekommen."

Nur wenige Brocken Deutsch

Deutsch gelernt haben die Yavuzers in all den Jahren nur wenige Brocken, sagt Nahide Yavuzer: „Wenn irgendjemand ‚Bring es!‘ sagt, dann verstehen wir es. Was wir für die Arbeit brauchen, haben wir alles sofort verstanden." Auch der Pensionist Kâzım Barut hat die Landessprache nie gelernt, bedauert er: „Es gab viele Türken in der Firma. Also brauchte man nicht Deutsch zu lernen." Seine Frau Nasmir pflichtet ihm bei: „Natürlich, Deutsch zu sprechen ist gut. Aber es gab viele Kinder bei uns. Wie sollte ich das Haus verlassen und Deutsch lernen gehen? Jetzt stört es mich schon sehr. Wenn ich doch Deutsch gelernt hätte!"

Nebeneinander der Kulturen

Die zweite und dritte Generation der türkischstämmigen Halleiner hat kein Problem mit der deutschen Sprache. Mit der Integration will es trotzdem nicht so recht klappen. „Wer nicht will, muss sich in Hallein im täglichen Leben überhaupt nicht mehr außerhalb der türkischen Community bewegen", sagt Gerlinde Yentürk, die Integrationsbeauftragte der Stadt, die auch selbst mit einem Türken verheiratet ist. Und viele wollten offenbar nicht, glaubt Yentürk. Es gebe auch immer wieder den Wunsch nach eigenen türkischen Kindergärten und Schulen.

Integrationszentrum geplant

Abhilfe soll jetzt ein neues Integrationszentrum in der Altstadt leisten. Eine Halbtagskraft soll ab dem Frühjahr Sprachkurse, Freizeit- und Kulturangebote koordinieren sowie den Kontakt zu Behörden,  Bildungsstätten, dem AMS und Migrantenvereinen halten. Über die Finanzierung wird zwischen Stadt und Land noch verhandelt.

„Unser Herz gehört der Türkei"

Selbst nach knapp vier Jahrzehnten und trotz der gut organisierten Community in Hallein fühlen sich viele von Halleins Türken erster Generation nicht heimisch an der Salzach: „In der Türkei ist unsere Heimat", sagt Kâzım Barut. „Wir lieben unsere Heimat schon. Aber wir können von hier auch nicht mehr weg."

Auch Atiye Talipler, die aus Izmir nach Hallein gekommen ist, sagt: „Unser Herz gehört der Türkei. Wir haben dort Verwandte, und hier haben wir niemanden." Bekir Keleş aus Trabzon, der acht Jahre lang mit einer Salzburgerin zusammen war, sieht das anders: Er bezeichnet Hallein heute als seine Heimat - „die Türkei ist aber auch meine Heimat." (Markus Peherstorfer, derStandard.at, 01.02.2009)

  • Als Sultan Mete und seine Frau Nadir 1970 in Hallein ankamen, waren sie froh, andere türkischsprechende Menschen zu treffen
    foto: menie weissbacher

    Als Sultan Mete und seine Frau Nadir 1970 in Hallein ankamen, waren sie froh, andere türkischsprechende Menschen zu treffen

  • "Wenn irgendjemand 'Bring es!' sagt, dann verstehen wir es", sagt Nahide Yavuzer (re.), die mit ihrem Mann Ahmet 1967 nach Hallein kam
    foto: menie weissbacher

    "Wenn irgendjemand 'Bring es!' sagt, dann verstehen wir es", sagt Nahide Yavuzer (re.), die mit ihrem Mann Ahmet 1967 nach Hallein kam

  • Deutsch zu sprechen sei wichtig, sagen Kâzım Barut. In der Fabrik
brauchte er es aber nicht zu lernen. Seine Frau Nasmir kam wegen der
Kinder nicht dazu
    foto: menie weissbacher

    Deutsch zu sprechen sei wichtig, sagen Kâzım Barut. In der Fabrik brauchte er es aber nicht zu lernen. Seine Frau Nasmir kam wegen der Kinder nicht dazu

Share if you care.