"Nationale Katastrophe" nach Tanker-Unfall

2. Februar 2009, 18:00
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Dorfbewohner wollten Benzin aus dem umgestürzten Tankwagen abschöpfen - Das Fahrzeug ging in Flammen auf, über hundert Menschen starben

Nairobi - Bei dem Versuch, kostenloses Benzin aus einem verunglückten Tankwagen zu ergattern, sind in Kenia nach Angaben der Polizei mindestens 122 Menschen ums Leben gekommen. Als der Tankwagen nahe der Stadt Molo, rund 150 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Nairobi, in der Nacht von Samstag auf Sonntag von der Straße abkam, umstürzte und Treibstoff verlor, versammelten sich nach Angaben der Polizei mehrere hundert Menschen am Unglücksort, um Benzin aufzufangen. Auf noch unbekannte Weise fing das Benzin Feuer, der Tankwagen explodierte. Zahlreiche Leichen waren bis zur Unkenntlichkeit verbrannt.

Ein Rot-Kreuz-Sprecher sagte, möglicherweise habe jemand eine brennende Zigarette fallen gelassen. Es gebe auch Gerüchte, wonach jemand das Feuer gelegt habe, nachdem ihn die Polizei am Zutritt zum Tankwagen gehindert habe. Die ganze Nacht lang suchten Rettungsmannschaften und Anrainer zum Teil mit Kerzen nach Überlebenden. Eine verzweifelte Mutter erzählte TV-Journalisten an der Unglücksstelle, ihre zwei Söhne seien begeistert nach Hause gerannt, um Benzinkanister zu holen. Vergeblich habe sie versucht, sie zurückzuhalten: "Jetzt kann ich sie nicht finden."

Mitverantwortung

Örtliche Zeitungen weisen den Behörden eine Mitverantwortung an dem Inferno zu. Sie hätten die Unfallstelle nur mangelhaft abgesichert. Laut Aussagen von Augenzeugen sollen einige Polizisten sogar Geld dafür verlangt haben, dass sie Dorfbewohner von Molo mit ihren Kanistern zum Treibstoffsee vorlassen. Die Gerüchte über mögliche Brandstiftung am Unfallort beunruhigen auch die Regierung Kenias - sie fürchtet Unruhen als Reaktion auf das Unglück.

Die Tankwagenexplosion ist das schwerste Unglück seit Jahrzehnten in der jüngeren Geschichte des ostafrikanischen Staates. Erst vor wenigen Tagen waren mindestens 25 Menschen bei einem Brand in einem Supermarkt in Nairobi ums Leben gekommen.

Kenias Vizepräsident Kalonzo Musyoka rief die Bevölkerung via Fernsehansprache zur Ruhe auf. Eine Regierungsdelegation sei auf dem Weg nach Molo, um Rettungskräfte und Polizei zu unterstützen. Laut der Zeitung Daily Nation fand sich am Sonntag die gesamte Staatsspitze an der Unglücksstelle ein. Der kenianische Premierminister Raila Odinga übte sich in Selbstkritik: Das Unglück, eine "nationale Tragödie", zeige, wie verzweifelt die Armut die Kenianer mache: "Armut zwingt unsere Bevölkerung, unvernünftige Dinge aus Verzweiflung zu tun - nur, um einen weiteren Tag zu überleben." Der Premier reagierte auch auf die Kritik lokaler Medien, dass Rettungsteams zu spät und teils ungenügend ausgestattet an der Unglücksstelle eingetroffen seien: "Das zeigt, wie schlecht Kenia auf Katastrophen dieses Ausmaßes vorbereitet ist." Molo liegt in einem ländlichen Gebiet. Dass es auf Notrufsignale keine Antwort von Bergeteams gegeben habe, liege daran, dass es hier keine Teams gibt. (Reuters, dpa, AFP, DER STANDARD - Printausgabe, 2. Februar 2009)

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    Das ausgebrannte Wack des Tankwagens. Der LKW war von der Straße abgekommen und verlor Treibstoff. Hunderte Menschen wollten das Benzin auffangen. Dann brach aus bisher ungeklärter Ursache der Brand aus.

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