Mama schießt zurück

31. Jänner 2009, 12:47
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Auf eigenen LAN-Partys können Eltern erfahren, was an den Computerspielen ihrer Kinder so faszinierend ist

Helga Nemetz und Jürgen Bachem sind unsicher. Das Ehepaar, 55 und 72 Jahre alt, schaut sich auf dem sandigen Hof um, der nur auf den Bildschirmen vor ihnen existiert: Es ist die Kulisse von "Counter Strike", dem bekanntesten und umstrittensten PC-Shooter. "Hier ist ja nix", sagt Nemetz. Wie ihr Mann ist sie sportlich gekleidet, trägt kurze graue Haare, Brille und Jeans. Sie wirken, als wären sie auf Wandertour in einer fremden Welt, deren Faszination sich ihnen noch nicht erschließen will. Aber zumindest sind sie schon einmal hier.

Einblick in eine fremde Welt

 Das Ehepaar besucht an diesem trüben Samstagmorgen ihre erste LAN-Party. "Eltern-LAN" heißt die Veranstaltung, die in einem Kongresszentrum in Köln gastiert. "LAN-Partys" nennen Computerspieler Treffen, bei denen alle Rechner vernetzt sind und die Spieler gegeneinander antreten können. Oft kommen mehrere hundert Gäste zu diesen Partys, bei den Eltern-Partys meist nur ein paar Handvoll. Wenigstens haben Helga Nemetz und Jürgen Bachem ein Tagesziel erfüllt: Sie haben sich einen Einblick verschafft in eine Welt, die ihnen fremd ist, in der aber viele Kinder und Jugendliche einen großen Teil ihrer Freizeit verbringen. Der Schnupperkurs soll Berührungsängste nehmen, Vorurteile entkräften - und im Idealfall Verständnis dafür wecken, was die Spiele so faszinierend macht.

Politische Dimension

Die Partys werden in Deutschland von der Bundeszentrale für politische Bildung (BPB) ausgerichtet. Denn die Behörde ist zu dem Schluss gekommen: Auch Computerspiele haben eine politische Dimension - eben weil sie keine Flucht vor der Gesellschaft bedeuten, sondern darin neue Formen von Gemeinschaft ausprobiert werden, die sich wiederum auf das reale Zusammenleben auswirken. Unterstützt wird die BPB bei den LAN-Partys zum einen von Turtle Entertainment, dem Betreiber der Electronic Sports League, zum anderen von medienpädagogischen Einrichtungen. Entsprechend ist "Eltern-LAN" mehr Pädagogik als Party - und vielleicht deswegen bislang auch weniger Eltern- als vielmehr Lehrer-LAN.

Trackmania und Counterstrike

Auch heute ist nur eine Mutter mit ihrem Sohn gekommen, und der hatte sie überredet, weil er sich unbedingt das Finale der Computerspiel-Bundesliga ansehen will, das ab Mittag in der Halle nebenan stattfindet. Gesamtschullehrerin Helga Nemetz aber ist hier, weil sie auch an ihrer Schule LAN-Partys für Schüler und deren Eltern geben will und um wieder einen Zugang zu finden zu einem Lebensbereich, der für viele Schüler so wichtig ist, über den sie aber mit Erwachsenen kaum sprechen: "Die erzählen lieber nichts. Sie wissen ja, dass das verteufelt wird", sagt Nemetz. Sie selbst hat keine Kinder, die ihres Mannes sind längst erwachsen - aber seine Enkel, alle im Teenager-Alter, spielen gern, vor allem "Counter Strike". Zum Aufwärmen lässt Horst Pohlmann vom medienpädagogischen Institut der Fachhochschule Köln, der den Conferencier der Party gibt, das Autorennspiel "Trackmania" spielen. Dann geht es weiter: mit "Counter Strike". Das Shooter-Game, bei dem zwei Teams - Polizisten und Terroristen - gegeneinander antreten, wird bei Diskussionen um die Gewalt in Computerspielen immer wieder als Negativbeispiel herangezogen. Denn meist überlebt nur ein Team das Match. Heute sollen die Teilnehmer es möglichst unvoreingenommen selbst versuchen.

"Nicht schiessen, bitte!"

 Pohlmann zeigt eine Karte des Spielfeldes, einer Art verlassenem orientalischen Palast. Darauf sind die beiden Bombenplätze markiert, an denen die Terroristen ihre Bombe platzieren müssen, während es für die Polizisten gilt, sie davon abzuhalten. "Damit Sie sich orientieren können, treffen sich jetzt erst einmal alle am Bombenplatz A", sagt Pohlmann. Und dann, mit Nachdruck: "Ohne zu schießen, bitte!" Es dauert keine halbe Minute, dann hallen die ersten Gewehrsalven durch den Raum. Wer angefangen hat, lässt sich nicht nachvollziehen, doch innerhalb von Sekunden ist der kahle Raum erfüllt von virtuellem MG-Knattern. Jürgen Bachem ist irritiert: "Wieso schießen die denn alle?" Dann läuft ihm der erste Terrorist vor die Flinte. Jetzt schießt Bachem lieber auch einmal. Nils Bader grinst. Er hat schon mehrere Eltern-LAN-Partys mitorganisiert. "Das ist jedes Mal so", sagt Bader. "Man kann vorher stundenlang die Gewalt verdammen - sobald die Leute merken, sie können schießen, tun sie es. Das sagt ja auch etwas aus."

Ob es Spaß macht, ist eine andere Frage

Ob es unbedingt jedem Spaß macht, ist eine andere Frage. Zumindest Jürgen Bachem und Helga Nemetz sind halbherzig bei der Sache. Irgendwann wird Nemetz schwindelig, sie geht hinaus. Eine Dreiviertelstunde dauert die Expedition in die Welt von "Counter Strike". Dann geht es, ganz pädagogisch, zur Nachbesprechung. Und zu einer Diskussion mit Dennis und Daniel Schellhase, mehrfache Weltmeister im Spiel "Fifa 08". Mit ihren fransigen blonden Haaren könnten die 25-Jährigen glatt als Mitglieder einer Boygroup durchgehen. Die Zwillinge, ganz Medienprofis, geben sich konservativ: Manche Spiele brauche es wirklich nicht, gerade Online-Rollenspiele hätten Suchtpotenzial, Eltern sollten sich mehr um den Jugendschutz kümmern.

"Mein Bild hat sich verändert"

"Mein Bild von Spielern hat sich total verändert. Das hier sind ja alles nette, vernünftige Leute", bilanziert danach Bachem. "Und 'Counter Strike' ist ja nichts anderes als Räuber und Gendarm, wie wir es früher gespielt haben. Da hat man auch gesagt: Du bist tot." Seiner Frau hat das Autorennen gefallen: "Vielleicht installieren wir das auf den Schul-PCs, für die Pause." Nur die Mutter, deren Sohn längst in der anderen Halle den Profi-Spielern zuschaut, bleibt misstrauisch. Nicht nur, weil sich auch ihr der Reiz des Spiels nicht erschlossen hat. "Die tun hier alle so, als sei das alles ganz harmlos", sagt sie. "Ich finde trotzdem, er spielt viel zu lange - und seine Freunde kommen auch kaum noch zu Besuch."(Silke Offergeld, DER STANDARD, RONDO, 30.1.2009)

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    screenshot: ea
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