Erinnerung, Zusammenhang, Wissen

30. Jänner 2009, 19:35
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Das schwarze Loch der Zusammenhanglosigkeit füllen: Ein Sammelband der wichtigsten Aufsätze und Essays Konstantin Kaisers

Woran mag es liegen, dass der Wissenschaftler, Philosoph und Lyriker Konstantin Kaiser nicht jene Resonanz hat, die einem Denker seines Formats gebührte? Vielleicht auch daran, dass er als Pionier und nach wie vor führender Kopf der historisch-literaturwissenschaftlich orientierten Exilforschung an keiner Institution verankert ist. Da, wie Kaiser selbst meint, gemäß der österreichischen Tradition der "Subjektlosigkeit" der Staat jene Instanz ist, von der die Anerkennung intellektueller Verdienste erwartet wird, schauen auch die informell organisierten Exilforscher eher auf den "Schreibtisch des zuständigen Wissenschaftsbeamten" als auf den Austausch untereinander.

Der gebürtige Tiroler hat sich, gemeinsam mit anderen, die Instrumente seines Wirkens selbst geschaffen: 1983 die Theodor-Kramer-Gesellschaft", die seit 1990 das Jahrbuch Zwischenwelt herausgibt, 1984 die Zeitschrift Mit der Ziehharmonika (heute Zwischenwelt), 2002 die "Österreichische Gesellschaft für Exilforschung". Nun, da zu Kaisers 60. Geburtstag seine wichtigsten Aufsätze und Essays aus einem Vierteljahrhundert gesammelt wurden, kann man sich endlich ein Bild machen: von einem Denken, das mit Fug und Recht unbequem genannt werden kann, unbequem für eine selbstzufriedene oder doch abgestumpfte Gesellschaft, unbequem aber auch für seinen Autor, der sich zum Widerspruch verpflichtet hat. Dabei ist das Gefühl der Ohnmacht und sein Konnex mit der Lüge und der Machtfantasie ("Der aufblasbare Panther in mir") dem standhaften Linken nicht fremd.

In einem Schlüsseltext des Bandes, einer Studie über Theodor Kramers "Demokratischen Epikuräismus", die auch die Kramer-Philologie beflügelt hat, verteidigt Kaiser des Dichters Festhalten am Konkreten, seine Weigerung, sich auf eine ideale Zukunft vertrösten zu lassen. Der Fortschritt in der Arbeiterbewegung habe sich nämlich als ein "Vormarsch in den Konformismus" erwiesen: "In Wirklichkeit ist die Gewöhnung daran, Unrecht ohne Empörung hinzunehmen, nur der allzu spontane Reflex auf die Verfestigung des Unrechts zum System. Mit der Empörung über das Unrecht ging auch das Bild des Glücks und der Erfüllung, deren reale Möglichkeit durch das Unrecht vernichtet worden war, verloren. (...) Welches immer das künftige Schicksal des modernen Epikuräismus sein mag, der Blick auf das 'unverstellte Glück', der nicht aus solcher Empörung hervordringt, fällt stets auf schalste Idylle."

Bei allem denkerischen Elan, bei aller Vehemenz seiner Intervention vermittelt der Forscher Konstantin Kaiser zuvörderst eine Fülle von Kenntnissen: über die großen Namen des Exils wie Kramer und Erich Fried, Günther Anders und Elias Canetti, aber auch über Wiederentdeckte, die aufs Neue ins Vergessen zu entgleiten drohen, wie den Regisseur und Autor Berthold Viertel und den in Buchenwald umgekommenen Dramatiker Jura Soyfer, oder über kaum Bekannte wie Joseph Kalmer und Leo Katz. Unbedingt lesenswert und von augenfälliger Relevanz sind überdies Kaisers ausgewogene Darstellung der Haltung der katholischen Kirche Österreichs zum NS-Staat und seine Überlegungen zur Bedeutung von Nation und Patriotismus in der Exilforschung. Kaiser, der begnadete Freisprecher, ist auch ein Freischreiber, einer, der die gerade in diesem Sujet so wohlfeilen Phrasen meidet, dessen Sicht der Dinge markant ist, eigen und stets frisch gewagt.

Leidenschaftlich wie seine Vorlieben zelebriert Kaiser freilich auch seine Idiosynkrasien: gegen die Avantgarde zum Beispiel, namentlich die Wiener Gruppe, die die Nazi-Zeit ausgeblendet habe, und gegen die blinden Germanisten, die durch ihre Vergötzung formaler Fortschrittsleistung der Exilliteratur unrecht getan hätten und für die Mitleid ein Fremdwort sei.

Die Ungerechtigkeit ist ein Kind der Ohnmacht wie der Empörung. Doch wie könnte man sie einem übelnehmen, der in seinem Engagement so schlicht ist wie in seinem Denken komplex, einem, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, "das schwarze Loch der Sinn- und Zusammenhanglosigkeit, das sich zwischen dem schrecklich Vergangenen und dem zukunftsgewiß Gegenwärtigen aufgetan hatte, einzureißen, mit Zusammenhang, Erinnerung, Wissen zu füllen, wenn es sein mußte, mit mir selbst." (Daniela Strigl, DER STANDARD/Printausgabe, 31.01/01.02.2008

 

Primus-Heinz Kucher, Karl Müller und Peter Roessler (Hrsg.), "Konstantin Kaiser: Ohnmacht und Empörung. Schriften 1982-2006." € 29,70 / 417 Seiten. Theodor-Kramer-Gesellschaft. Drava, Klagenfurt 2008 (= Zwischenwelt 11)

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