Die Irrealität "realer" Konjunkturzyklen

30. Jänner 2009, 19:31
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Für Joseph Schumpeter hatte der Geist des Kapitalismus sowohl etwas Erhabenes als auch etwas Tragisches - Von Robert Skidelsky

Alan Greenspan erklärte jüngst, dass die aktuelle Kernschmelze des Finanzsystems seine "intellektuelle Struktur" zerschmettert hätte. Greenspans Zusammenfassung der Lehre seines Lieblingsökonoms Joseph Schumpeter: "Eine Marktwirtschaft belebt sich selbst von innen heraus ständig neu, indem sie alte und schwächelnde Branchen aussortiert und die Ressourcen auf neuere, produktivere Bereiche umverteilt."

Schumpeter sagte, dass der Kapitalismus die Existenzbedingungen für den Menschen durch einen "ewigen Sturm der schöpferischen Zerstörung" verbessere. Ein fortwährender Sturm der schöpferischen Zerstörung ist nur im Zusammenhang mit Boom-Bust-Zyklen vorstellbar. In der klassischen Konjunkturtheorie wird ein Boom durch eine Reihe von Erfindungen ausgelöst. Aber Wettbewerbszwänge und die lange Ausreifungszeit von Anlageinvestitionen führen zu Überinvestitionen, welche unvermeidlich im Zusammenbruch enden.

Die zeitgenössische Theorie "realer" Konjunkturzyklen stülpt diesen frühen Modellen einen Berg an Mathematik über, dessen wichtigste Funktion in der Minimierung der "Zerstörungskraft" der "Schöpfung" besteht. Damit schafft man es, von Technologie getriebene Konjunkturzyklen mit Märkten zu kombinieren, in denen es keine Arbeitslosigkeit gibt.

Wie gelingt dieser Trick? Wenn die Reallöhne durch einen positiven technologischen "Schock" steigen, arbeiten die Menschen mehr, wodurch die Produktion steil ansteigt. Bei einem negativen "Schock" weiten die Beschäftigten ihre Freizeit aus und die Produktion sinkt. Dabei handelt es sich um effiziente Reaktionen auf Änderungen der Reallöhne.Eine staatliche Intervention ist nicht nötig.

Es ist schwierig zu erkennen, wie eine derartige Theorie die aktuellen wirtschaftlichen Turbulenzen erklärt. Erstens: Im Gegensatz zum Dotcom-Boom ist der technologische "Schock" , der den letzten Boom auslöste, schwer zu erkennen. Natürlich war der Aufschwung von Krediten geprägt, die in Hülle und Fülle verfügbar waren. Diese Mittel wurden aber nicht zur Finanzierung neuer Erfindungen verwendet: Die Kredite waren die Erfindung.

Zweitens impliziert dieses Modell, dass Staaten angesichts dieser "Schocks" nichts tun sollen. Auf die aktuelle Situation bezogen würde man sagen, dass die Regierungen auf der ganzen Welt völlig falsch liegen, indem sie ihre größten Banken retten und ineffiziente Unternehmen subventionieren.

Obwohl Schumpeter die Dynamik eines von Unternehmergeist geprägten Kapitalismus brillant erfasste, erstickten seine modernen "realen" Nachfolger in ihrem Wahn von "Gleichgewicht" und "sofortigen Anpassungen" seine Erkenntnisse. Für Schumpeter hatte der Geist des Kapitalismus sowohl etwas Erhabenes als auch etwas Tragisches. Beide Empfindungen sind Lichtjahre von den hübschen, artigen Theorien seiner mathematisch orientierten Nachfolger entfernt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.1./1.2.2009)

Zur Person

Robert Skidelsky ist Mitglied des britischen Oberhauses, Professor Emeritus für Nationalökonomie an der Warwick University und Verfasser einer preisgekrönten Biografie über John Maynard Keynes.

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