"Der Papst soll in die Synagoge kommen"

30. Jänner 2009, 19:12
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Roms Oberrabbiner Riccardo di Segni vermisst beim Papst Weisheit

Der Oberrabbiner von Rom, Riccardo di Segni, vermisst beim Papst Weisheit und Gleichgewicht. Der Antisemitismus in Teilen der katholischen Kirche sei eine Realität, beklagt di Segni im Gespräch mit Gerhard Mumelter.

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STANDARD: Welche Auswirkungen haben die aktuellen Ereignisse und Polemiken auf den jüdisch-christlichen Dialog?

Di Segni: Sie erschweren natürlich eine Annäherung und Verständigung. Jetzt muss man abwarten, bis der Sturm vorübergeht und sich die Wogen glätten. Die Gemüter müssen sich abkühlen und die Emotionen wieder etwas legen. Dann wird man weiter sehen.

STANDARD: Welche konkrete Geste erwarten Sie jetzt vom Vatikan?

Di Segni: Zunächst einmal ein Ende all dieser Turbulenzen, die zu ständigen Spannungen führen. Sie stellen einen klaren Bruch der Verpflichtungen und Absichtserklärungen dar, die vom Vatikan unter Ratzingers Vorgänger eingegangen wurden. Was ich vermisse, ist Weisheit und Gleichgewicht. Eine konkrete Geste der Versöhnung wäre etwa ein Besuch des Papstes in der römischen Synagoge. Ich habe ihn dazu eingeladen, aber bisher keine Antwort erhalten.

STANDARD: Der Vorsitzende der italienischen Bischofskonferenz, Kardinal Angelo Bagnasco, bezeichnet die massive Kritik am Papst als "ungerechtfertigt".

Di Segni: Die italienische Bischofskonferenz hat eine ausgeprägte Tendenz, sich der Autorität zu fügen. Sie ist doktrinär und kommt daher kaum zu objektiven Urteilen. Darin unterscheidet sie sich deutlich von den Bischofskonferenzen anderer Länder, etwa der deutschen.

STANDARD: Am Donnerstag hat erneut ein Priester der Lefebvre-Gemeinde die Shoah infrage gestellt. Wird die Leugnung der Judenverfolgung allmählich hoffähig?

Di Segni: Die untragbaren Äußerungen dieses Geistlichen aus Treviso wurden in Italien von zahlreichen Medien übernommen. Aber es gibt viele Priester, die sich ähnlich äußern, ohne dass jemand darüber berichtet. Der Antisemitismus in Teilen der katholischen Kirche ist eine Realität. Besonders ausgeprägt ist er in der Lefebvre-Gemeinde, deren Exkommunikation jetzt aufgehoben wurde. Williamson ist nur die Spitze des Eisbergs. Fast alle lehnen die vom Konzil eingeleitete Öffnung zum Judentum ab.

STANDARD: Besorgt Sie das Anwachsen des Antisemitismus in Italien?

Di Segni: Ja, natürlich. Der Antisemitismus hat unterschiedliche Wurzeln. Auch die katholische Kirche trägt ihre Schuld. Es war Papst Paul IV, der das Ghetto in Rom bauen ließ. (DER STANDARD, Printausgabe, 31.1./1.2.2009)

  • Zur Person
Der römische Arzt Riccardo di Segni (59) ist als Oberrabbiner der
Hauptstadt die wichtigste religiöse Autorität der Juden in Italien.
    foto: ufficio rabbinico comunità ebraica di roma

    Zur Person

    Der römische Arzt Riccardo di Segni (59) ist als Oberrabbiner der Hauptstadt die wichtigste religiöse Autorität der Juden in Italien.

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