Im politisch unkontrollierbaren Raum

31. Jänner 2009, 11:00
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Ständige Unsicherheit, keinerlei Hoffung: Der Soziologe Zygmunt Bauman entwirft ein pessimistisches Bild der Gesellschaftsentwicklung

"Zumindest im 'entwickelten' Teil des Planeten sind derzeit einige folgenreiche, eng miteinander verwobene Umbrüche im Gang oder bereits abgeschlossen, die ein völlig neues, nie dagewesenes Umfeld für individuelle Lebensentscheidungen schaffen und uns vor eine Reihe von Herausforderungen stellen, die in der Geschichte ohne Beispiel sind." Mit diesem nüchternen und doch paukenschlagartigen Satz eröffnet der 1925 geborene Soziologe Zygmunt Bauman sein Buch Flüchtige Zeiten. Und dieser Satz löst sogleich die Frage aus: Wie prophetisch kann ein Soziologe eigentlich sein? Denn diese schmale Publikation scheint passgenau für die aktuelle Krise geschrieben worden zu sein.

Bauman, der 1968 gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings protestierte, wurde in seiner Heimat Polen dafür geschasst, wanderte über Israel nach Großbritannien aus und lehrte dann in Leeds Soziologie - ein hochgradig seriöser und ungemein produktiver Wissenschafter, der allerdings vor zwei Jahren in die Schlagzeilen kam, als ihm von einem Historiker eine bis dato unbekannte Kollaboration mit dem polnischen Geheimdienst von 1945 bis 1953 vorgehalten wurde (Bauman reagierte mit nachhaltigem, für einige enttäuschendem, für viele beklemmendem Schweigen).

Ähnlich wie Richard Sennett aus Chicago und die Deutschen Ulrich Beck und Heinz Bude beschäftigt sich Bauman mit den sozialen Auswirkungen, den Risiken und den Ängsten der wirtschaftlichen Globalisierung. Wie auch mit der schrumpfenden Bedeutung des Nationalstaates und der damit einhergehenden, tiefreichenden Gefährdung der Demokratie.

Strukturen und Institutionen einschließlich sozialer Normen sind heute kurzlebig, flüchtig geworden und damit unzuverlässig, und eine fixe, langfristig angelegte Lebensplanung ist kaum mehr durchzuhalten. Macht verlagert sich von geografisch umrissenen Ländern, in denen sie mehr oder weniger gezähmt werden kann, in einen "politisch unkontrollierbaren globalen Raum" (Bauman). Wenn dieser kollabiert, sind die Folgen allgegenwärtig; und es gibt wie in der grassierenden Finanzkrise keinerlei festumrissene identifizierbare Schuldige. Zugleich bauen Staaten soziale Sicherungssysteme, die "kollektive Absicherung gegen individuelles Unglück", wie Bauman sie schön nennt, ab. Stattdessen wird Deregulierung forciert; dessen Konsequenz ist eine anhaltende Unsicherheit des Einzelnen und der Gesellschaft. Weitere Folge: Arbeitsverhältnisse sind terminisiert, werden zu "Projekten", Rang und Nützlichkeit von Wissen und Erfahrungen werden, weil nicht mehr gefragt, fragwürdig.

Überwiegend skeptisch

Umstände zwingen Menschen dazu, rasant Entscheidungen zu treffen und hierfür die Verantwortung zu übernehmen, ohne dass sie Voraussetzungen und Risiken beeinflussen können. Baumans Essay ist eine pointierte Zusammenfassung seiner Auseinandersetzungen mit der Moderne und der Postmoderne. In einem anregenden, ungewöhnlich assoziativen Stil präsentiert er seine Kernaussagen. Gar nicht selten formuliert er apodiktisch und wird zuweilen sogar poetisch. Doch in seinem Ausblick überwiegt Skepsis und ein düsterer Pessimismus. Denn der Kapitalismus (über)produziert vor allem Abfall, Umweltzerstörung und eine immer größere Zahl an sozial Ausgeschlossenen.

Neues "Abfallprodukt"

Bauman: "Dem 'Abfall' zugeordnet zu werden kann nicht mehr, wie zuvor, als Schicksal wahrgenommen werden, das auf einen relativ kleinen Teil der Bevölkerung beschränkt ist, sondern wird zu etwas, das jeden treffen kann." Hoffnung ist nicht in Sicht. "Die gewohnten Werkzeuge und Interventionsstrategien" der Politik, entwickelt für temporäre Krisen und "Abnormitäten", sind "zu schwach und kaum geeignet, um dieser neuen Form des 'Abfallprodukts' zu begegnen." (Alexander Kluy, DER STANDARD, Print-Ausgabe, Album, 31. Jänner/1. Februar 2009)

Zygmunt Bauman, "Flüchtige Zeiten. Leben in der Ungewissheit". Übersetzung aus dem Polnischen Richard Barth. € 12,40 / 168 Seiten. Verlag Hamburger Edition, Hamburg 2008.

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