Die brillante Praxis des symphonischen Masochismus

30. Jänner 2009, 18:47
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Mahlers Siebente unter de Billy im Konzerthaus

Wien - Daniel Barenboim hat wenige Tage nach dem 11. September 2001 beim Musikfestival in Luzern mit seiner Berliner Staatskapelle Gustav Mahlers siebente Symphonie aufgeführt und diese Werkwahl mit den folgenden Worten argumentiert: "Vielleicht kann die Musik unsere Gefühle zum Ausdruck bringen, wo Worte versagen."

Und dies, obwohl der Komponist über diese Symphonie meinte: "Es ist ein Werk vorwiegend heiteren Charakters."

Möglicherweise gleicht ein Aphorismus von Arnold Schönberg, demzufolge Kunst der Notschrei jener ist, die an sich selbst das Schicksal der Menschheit erleben, diesen fundamentalen Meinungsunterschied aus.
Arnold Schönberg meint natürlich, aller Kunst, die um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert entstanden ist, hafte der Charakter des Wehschreis an.

Eine neue und vielleicht sehr aktuelle Variante in der langen Serie der jüngeren Werk-Interpretationen präsentierte das Radio-Symphonieorchester Wien unter seinem Chefdirigenten Bertrand de Billy. Grob ausgedrückt könnte man sagen, dass diese Wiedergabe, die den Einzelcharakter der Noten in geradezu pointillistischer Manier hervorhob, den Masochismus, der - wie fast allem, was Mahler geschrieben hat- auch diesem Werk immanent ist, enttarnte.

Was Mahler heiter nennt und Arnold Schönberg einen Notschrei, wurde bis in die filigransten Verästelungen dieses auf den ersten Blick verwirrenden Stimmen- und Stimmungsgeflechts zur emotionellen Einheit gebracht.

Philharmonisches Niveau

Mahlers beinah stereotypes thematisches Vokabular, seine verwirrenden formalen Verschränkungen und seine bis zu Mandoline, Gitarre und Herdenglocken ausufernden instrumentalen Assoziationen wurden von de Billy zu einer in ihrer ganzen Selbstqual schlüssigen Einheit gebunden. Von Ferne erinnerte diese Wiedergabe, die bis zum letzten Pult philharmonisches Niveau verströmte, an manche schmerzlich und geheimnisvoll verschlungene Skulptur Bruno Gironcolis.

Die Interpretation war auch in den stärksten Massierungen der Dynamik von größter kammermusikalischer Transparenz. Das Publikum honorierte es mit großem Jubel. (Peter Vujica, DER STANDARD/Printausgabe, 31.01/01.02.2008)

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