Taghelle Bilder

30. Jänner 2009, 18:44
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Angelika Reitzer beweist mit ihrem Erzählband "Frauen in Vasen", dass ihr Schreiben auch auf der Kurzbahn erfolgreich ist

Wahrscheinlich kommt sie ohnehin von der Erzählung her: Angelika Reitzer, Jahrgang 1971, wurde 2007 mit ihrem Romandebüt Taghelle Gegend von der Kritik gefeiert.

In dem nun erschienenen Band mit Kurzprosa, die großteils schon in Literaturzeitschriften erschienen ist, schreibt Reitzer gewissermaßen die Methode ihres Romandebüts weiter (wobei die Chronologie vielleicht eine andere war). Ihre Methode: Das ist ein feiner, fragil wirkender Schreibduktus, der sich vor einer dezidiert poetischen Begrifflichkeit nicht scheut, dabei aber der Flapsigkeit der Umgangssprache, des Slang ebenfalls nicht abgeneigt ist. In umkreisenden Bewegungen schreibt sie sich an die Sachen heran, wobei sich ihr Schreiben zuweilen auch selbst infrage stellt. Symptomatisch dafür die (freilich nicht völlig neue) Technik der Autorin, Ausdrücke/Wendungen mit Schrägstrich (Slash) als gleichermaßen gültig nebeneinander stehen zu lassen. Manchmal drückt sich darin auch eine zeitliche Abfolge aus, die sozusagen abgekürzt dargestellt ist, im Stenotypistenstil, zur Aufhebung der Linearität tendierend, diese unterlaufend und so etwas wie Gleichzeitigkeit (in der linearen Schrift!) herstellend.

Was damit erreicht wird, sind Bilder. Reitzers Literatur ist, das wurde auch an ihrem Erstling bemerkt, optisch orientiert. Sie schreibt sich von Dingen her, von Menschen, von Landschaften, ohne jedoch je die Reizspender ganz erfassen zu wollen/können. Dass sich ihre Texte mitunter wie Filme lesen, dass ihr Schreiben (avantgarde-)filmische Schnitt- und Montagetechniken zitiert - einer der Texte in dem neuen Band trägt schon im Titel die Anspielung auf den Avantgardefilm: Super-8. Dass sie immer wieder auch Fotos in ihren Texten beschreibt, tut jedoch der Literarizität ihres ganzen Unternehmens keinen Abbruch.

Ein Patchwork von Eindrücken

Es sind Momentaufnahmen, die sie liefert, intensive Extrakte menschlichen Seins, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit stellen, aber an den wesentlichen Kern der Dinge gelangen wollen. Dabei entsteht ein Stück-Werk, ein Patchwork von Eindrücken, Bildern und Reflexionen, das der Fragmentarizität unserer Welt(-erfahrung) durchaus entspricht: "So leben heißt: stückeln, die ganze Zeit, und vielleicht ist das eh das Einzige, was ich haben kann." Das Stückeln - eine Metapher, der sich die freilich in etwas größerem Umfang stückelnde Elfriede Jelinek auch gerne bedient - erscheint als sehr heutiges Lebens- und Schreibkonzept. Es ist dies eine Kunst der Vorläufigkeit und Brüchigkeit, der Bricolage, die immer von einer gewissen Anarchie geprägt ist, der aber dennoch (trotzdem!) tiefe Einblicke in menschliche Seinsweisen gelingen: etwa in die Prekarität einer Schriftstellerexistenz (Sonnenschirme), wo von "einer grundsätzlichen Überheblichkeit und Selbstüberschätzung" die Rede ist, die man/frau braucht, um schreiben zu können, oder in die Zerbrechlichkeit einer Liebesbeziehung (Super-8), wo Reitzer sinnlich einen Liebesakt beschreibt: "Es war alles vorhanden zwischen ihnen, das Leintuch zerknittert, die Luft zwischen den Polstern, ihre Schenkel, jetzt nur noch Haut oder Handflächen. Ein Stoßen, Auffangen, jetzt er und sie, halt mich jetzt/halt." Beeindruckend auch, wie sie sich an einer elterlichen Beziehung abarbeitet und dabei die ganze Heuchelei einer väterlichen Versorgungspolitik dekuvriert (Grillgut) oder wie sie die beschränkte Weltsicht einer alten Frau sprachlich auf den Punkt bringt (Streuobst).

Souverän wechselt Reitzer die Perspektiven, die Zeitebenen und die Schauplätze, was es dem Leser nicht immer leicht macht. Doch wer sich hineinbegibt in ihren literarischen Kosmos, wird belohnt mit unerwarteten Aussichten und überraschenden Einsichten. Mitunter wünscht man sich, dass sich die Autorin dem Erzählen einfach anvertrauen würde. Dennoch: Die Verknappung der Form, die Begrenztheit des erzählerischen Rahmens, den die Kurzprosa naturgemäß darstellt, ist bei ihr kein Manko, sondern ein Atout. Ich bin mir aber sicher, dass ihre Methode künftig auch auf der Langstrecke wieder erfolgreich sein wird. (Nicole Streitler, DER STANDARD, Print, 31.1./1.2.2009)

Angelika Reitzer, "Frauen in Vasen. Prosa."

€ 17,90 / 140 Seiten. Haymon, Innsbruck 2008

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    Ein Patchwork von Bildern und Reflexionen: Angelika Reitzer.

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