Volle Betten, volle Pisten und reichlich Russen

30. Jänner 2009, 18:46
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Trotz Wirtschaftsabschwungs sind im Feburar Hotels und Pensionen bestens gebucht - Auch immer mehr russische Gäste kommen

Wien/Innsbruck/Bregenz - Zehntausende Pkws und Busse werden dieses Wochenende in die Skizentren des Landes stauen, Sonderzüge zusätzliche Menschenmassen an den Hotspots ausladen: Für 428.000 Buben und Mädchen in Wien und Niederösterreich haben die Semesterferien begonnen. Auch in Teilen Deutschlands ist schulfrei. Die Quartiere in den Wintersportorten Tirols, Vorarlbergs und Salzburgs sind - Krise hin, Krise her - so gut wie ausgebucht.

Mit Interesse beobachten Touristiker heuer den russischen Markt. "Der Anteil russischer Gäste in Österreich ist noch bescheiden (siehe Grafik), die Zuwachsraten aber waren enorm", sagt der Generalsekretär der Österreichischen Hoteliervereinigung, Thomas Reisenzahn, dem Standard. "Russische Gäste bleiben im Durchschnitt länger und geben pro Tag mehr aus als andere."

Von Finanzkrise sei noch nicht viel zu bemerken: "Natürlich gibt es auch in Russland eine gewisse Unsicherheit bei den Konsumenten. Die weitere Entwicklung vorherzusagen wäre Kaffeesudleserei. Eine Konsolidierung bei russischen Veranstaltern ist aber denkbar", sagt Emanuel Lehner, Leiter der Österreich Werbung in Moskau. Aufgrund der Krise gehe der Trend in Russland weg vom Reisebüro hin zu Individualbuchungen.

Laut Sergej Spilko, dem Präsidenten des Verbandes der russischen Tourismusindustrie, ist die Nachfrage auf dem russischen Tourismusmarkt um 30 Prozent gefallen. Zehn Prozent der Reiseveranstalter waren gezwungen, ihr Geschäft aufzugeben. 15 Prozent der Arbeitsplätze im Tourismus sind bereits verlorengegangen.

Gut 40 Prozent aller russischen Gäste, die Österreich bereisen, fahren nach Tirol - am liebsten nach Mayrhofen, Paznaun, St. Anton und ins Ötztal. Mit 43.111 Nächtigungen (plus 30,2 Prozent) lag Russland im Vorjahr auf Platz zwölf der Tiroler "Nationenwertung". Mit 6,6 Tagen durchschnittlicher Aufenthaltsdauer bleibt der russische Gast länger als alle anderen.

Für Josef Margreiter, den Chef der Tirol Werbung, ist der "Start in die Wintersaison geglückt". Die Buchungslage sei auf hohem Niveau. Margreiter erwartet aber "Schwankungen".

Erhebungen zeigen, dass Österreich als Urlaubsland besonders bei den 30- bis 49-jährigen Russen als "sehr attraktiv" gilt. "Der Russe" schätzt Österreich als qualitativ hochwertig, gastfreundlich, erholsam und sympathisch ein.

Auch in Vorarlberg ist die Stimmung gut. Im Februar ist Lech so gut wie ausgebucht. Der vorige Dezember war mit einem Plus von 5,6 Prozent noch besser als der sehr gute Dezember 2007. Mit einer Auslastung von 60 bis 70 Prozent ist das sogenannte Jännerloch nicht größer als in anderen Jahren.

Sparen bei Nebenausgaben

Die Russen sind Lech/Zürs treu geblieben. Mit einem Anteil von 1,2 Prozent würde das Wegbrechen dieses Segments nicht das große Jammern auslösen. "Wir hatten nie eine Überkapazität an russischen Gästen wie an anderen Orten", sagt Tourismus-Direktor Gerhard Walter. Mehr Kopfzerbrechen bereitet ihm der englische Markt. Den habe man in den letzten Jahren "mit Erfolg" aufgebaut. Nun sind die britischen Gäste ein großes Fragezeichen. Walter: "Die Finanzkrise trifft die Briten hart, das Pfund ist im Vergleich zum Euro nur noch die Hälfte wert." Mit einem Anteil von zwölf Prozent sind die Briten die drittstärkste Gästegruppe nach den Deutschen und Österreichern.

Auf der anderen Seite des Arlbergs, in St. Anton, scheint die Welt auch noch heil zu sein. Die "Krise", sagt Eugen Scalet, spüre man als Hüttenwirt derzeit nur, wenn man ganz genau aufpasse. Scalet betreibt mit dem Mooserwirt eine der größten und umsatzstärksten Ski- und Après-Ski-Hütten des gesamten Alpenraums.

Aufgrund des rapiden Wertverfalls des Rubel ist für die russischen Gäste der Urlaub in den Alpen um ein Drittel teurer geworden. Gespart wird vor allem bei den Nebenausgaben. "Champagner und Schampus sind eindeutig zurückgegangen - und auch beim Merchandising (der Mooserwirt macht fast zehn Prozent seines Umsatzes mit T-Shirts, CDs und ähnlichen Souvenirs, Anm) geben die Leute weniger aus." Was Scalet aber auch beobachtet: "Es wird mehr Schnaps konsumiert. Vielleicht sind harte Getränke ja typisch für harte Zeiten."

Ein etwas anderes Bild zeigt sich in der Stadt. Insbesondere in Wien, das nach Tirol die zweitmeisten Nächtigungen russischer Gäste verzeichnet, hat man schon bessere Zeiten gesehen. In vielen der noblen Geschäfte in der Wiener Innenstadt herrscht gähnende Leere, wie sich der Standard überzeugen konnte.

Der Geschäftsführer des Juweliers Wempe in der Kärntner Straße, Philipp Pelz, bestätigt, dass vermehrt russische Kunden ausbleiben. Auch einige seiner wohlhabenden russischen Stammkunden seien von der Finanzkrise nicht verschont geblieben.

In der Hotelbranche macht sich ebenfalls ein Rückgang russischer Gäste bemerkbar, wie man in den zur Starwood-Gruppe gehörenden Hotels Bristol und Imperial bestätigt. "Banken sind Schlüsselkunden gewesen", sagt Starwood-Sprecherin Petra Engl-Wurzer. Es sei unklar, wie tief und breit die Krise noch einschneiden werde. Gewiss sei nur, dass es langfristig ist und die Tourismusbranche länger brauchen werde, sich zu erholen. (jub, kasp, rott, stro, ved, ver/DER STANDARD, Printausgabe, 31.1./1.2.2009)

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    Die Hotels sind im Februar gut gebucht

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