"Da bin ich aus der Spur gestiegen"

30. Jänner 2009, 18:47
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Gerlinde Kaltenbrunner, die elf der 14 Achttausender bestieg, und Ehemann Ralf Dujmovits haben zu ihrem Sport einen eigenen Zugang. Interview-Doppel, erster Teil

Standard: Ist das Bergsteigen martialisch oder nur die Bergsteigersprache? Gipfel werden gestürmt und bezwungen. Frau Kaltenbrunner, Sie wurden im "Spiegel" die Königin der Todeszone genannt. Hört und liest man solche Titel gerne?

Kaltenbrunner: Nein, ganz im Gegenteil. Schlagzeilen kann ich mir nicht aussuchen. Mit Begriffen wie Gipfelsturm fang ich gar nichts an. Ich bezwinge keine Berge, ich versuche, sie zu besteigen. Am Ralf schätze ich, dass er das ähnlich sieht. Das hat sich schon herausgestellt, als wir das erste Mal gemeinsam unterwegs waren.

Dujmovits: Ich dachte zuerst, dass diese kriegerischen Begriffe aus der Zeit des deutschnationalen Bergsteigens stammen. Aber wir finden das auch anderswo, etwa bei den Spaniern. Die reden davon, dass sie eine Conquista machen, also eine Eroberung, die "attackieren" den Gipfel. Dafür haben wir beide nichts übrig.

Standard: Hängt die Sprache damit zusammen, dass das Bergsteigen sehr männlich dominiert ist?

Kaltenbrunner: Das kann schon sein, dass das eine reine Männerdomäne war. Und wenn man im Basislager zuhört, da wollen die meisten auch heute noch kämpfen, da bauen sich viele einen Druck auf. Natürlich freu auch ich mich sehr, wenn ich den Gipfel besteigen kann, mein ganz großes Ziel schaffe. Aber das Erleben der Natur, das Spüren am Berg steht für mich im Vordergrund.

Dujmovits: Es muss jedem von uns klar sein, dass wir auf die ganz großen Berge nur dann raufkommen, wenn's wirklich passt. In richtig schlechtem Wetter haben selbst Oberprofis keine Chance. Sich da etwas erkämpfen zu wollen ist völlig falsch. Der Berg lässt uns rauf, weil wir zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind. Oder nicht.

Standard: Aber die Todeszone als solche heißt halt leider so. Oder ist das für Sie eine Erlebniszone?

Kaltenbrunner: Todeszone, das kam auf, weil Leben über 7500 Meter Höhe irgendwann nicht mehr machbar ist. Ob man das spürt, wenn man in die Zone eintritt? Ich bin ja immer gut akklimatisiert. Wenn ich aufpasse, kann es mir auch da oben wirklich gut gehen. Natürlich ist es sehr anstrengend, das gehört dazu.

Dujmovits: Wir wissen beide, wie schnell man da oben Kräfte verlieren kann. Also ist mir die Begrifflichkeit klar. Aber benutzen würde ich den Ausdruck Todeszone nie. Er dient Leuten, die dort oben unterwegs sind, nur dazu, sich unnötig selbst zu überhöhen.

Standard: Als ehemalige Diplom-Krankenschwester und ehemaliger Medizinstudent haben Sie in diesem Bereich viel Know-how. Wie sehr profitieren Sie davon?

Kaltenbrunner: Man muss in sich hineinhören und die Signale, die der Körper aussendet, bewusst wahrnehmen, dann kann man reagieren. Von künstlichen Hilfsmitteln halte ich gar nichts. Ich schwöre darauf, auch in extremen Höhen möglichst viel Flüssigkeit zu sich zu nehmen. So kann man bis zum Schluss klaren Kopf bewahren. Ich hatte noch nie Halluzinationen.

Dujmovits: Wenn sich der Körper an die Höhe anpasst, lernt er, er speichert es ab. Und wenn wir heute ins Basislager kommen, sind wir viel schneller akklimatisiert als bei unserer ersten Expedition.

Standard: Womit sich die Chancen auf eine erfolgreiche Besteigung erhöhen. Sie müssen nicht so lange vorplanen, haben vielleicht genauere Wetterprognosen.

Dujmovits: Klar, die fast perfekten Wettervorhersagen haben viel verändert. Was uns Charly Gabler und die Innsbrucker Wetterdienststelle liefern, bietet uns enorme Vorteile. Wir haben gelernt, schlechtes Wetter auszusitzen. Vielen fehlt die Bereitschaft, einmal zehn Tage im Basislager zu sitzen und abzuwarten. Dabei hat Höhenbergsteigen viel mit Geduld zu tun.

Kaltenbrunner: Charly sagt uns, dass wir um Mitternacht soundso viel Windgeschwindigkeit haben werden auf 8000 Metern. Da kannst du schon ganz anders planen.

Standard: Laut Gerlinde Kaltenbrunner liegt der größte Unterschied zwischen Männern und Frauen am Berg in der Selbstdarstellung danach. Können sich Männer von Frauen etwas abschauen?

Dujmovits: Ich weiß nicht, ob das typisch weiblich ist. Aber Gerlinde ist unglaublich konsequent, was das Trinken betrifft. Sie legt sich nie in den Schlafsack, ohne vier, fünf Liter Flüssigkeit getrunken zu haben. Vielleicht ist es auch typisch männlich, manchmal Dinge zu vergessen, die wichtig sind.

Kaltenbrunner: Das ist einfach Disziplin, die man hat oder nicht. Wir Frauen horchen vielleicht mehr in unseren Körper hinein. Wie gehe ich heute? Wie mache ich mein Tempo? Da verlasse ich mich nur auf mich, es ist mir egal, ob andere schneller sind.

Dujmovits: In meiner Firma habe ich festgestellt, dass Frauen, die sich für eine Expedition anmelden, sich diese Entscheidung viel länger und besser überlegt haben. Bei Männern steht oft das Wunschdenken im Vordergrund, ich muss sie oft einbremsen. Das eigene Einschätzungsvermögen ist bei Frauen besser ausgeprägt.

Standard: Sieht sich die Frau Kaltenbrunner in eine Männerdomäne eindringen wie etwa Frauen, die bei den Philharmonikern musizieren oder Lipizzaner reiten?

Kaltenbrunner: Es hat immer schon Bergsteigerinnen gegeben. Aber auf den hohen, schwierigen Bergen sind immer noch sehr wenige Frauen unterwegs. Einige wollen die extreme Kälte nicht aushalten. Andere wollen nicht zwei Monate lang ohne Dusche auskommen. Oft scheitert es an Kleinigkeiten.

Standard: Abgesehen vom Titel "Königin der Todeszone" , den Sie missbilligen, werden Sie Cinderella Caterpillar genannt. Wie das?

Kaltenbrunner: Am Nanga Parbat hab ich Kasachen getroffen. Die haben mich weder nach meinem Namen gefragt noch nach meinen Plänen, wollten mich nicht mitspuren lassen. Da bin ich aus der Spur gestiegen, hab mich vorne eingereiht und war dann einfach schneller. Am selben Tag war ich mit einem Spanier auf dem Gipfel, im Abstieg haben wir einem Kasachen geholfen, der ein beginnendes Lungenödem hatte. Unten hab ich von den Kasachen dann Blumen bekommen. Und den Spitznamen. (Das Interview führten Fritz Neumann und Martin Grabner - DER STANDARD PRINTAUSGABE 31.. 2009)

Teil 2 des Interviews am Montag:
Kaltenbrunner und Dujmovits zu Einsamkeit und Kommerz, Sponsoren und Druck, Lust und Risiko

 

Zur Person:

Gerlinde Kaltenbrunner (38): Krankenschwester aus Spital am Pyhrn in Oberösterreich. Der Pfarrer nahm sie zu den ersten Bergtouren mit. Hat elf der 14 Achttausender bestiegen, "führt" ex aequo mit Nives Meroi (Italien) und Edurne Pasaban (Spanien). Lhotse, K2, Everest fehlen noch.

Ralf Dujmovits (47): Bester deutscher Höhenbergsteiger. Von den 8000ern fehlt ihm der Lhotse. Veranstaltet Expeditionen (www.amical.de).

Sie lernten einander 2002 am Manaslu kennen, Heirat 2007.

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    Ralf Dujmovits und Gerlinde Kaltenbrunner, hinten der K2, einer von drei Achttausendern, die Kaltenbrunner noch besteigen will. Auf elf der 14 Riesen war sie schon. Keine Frau hat mehr Achttausender bestiegen, auch die Spanierin Edurne Pasaban und die Italienerin Nives Meroi halten bei elf.

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