Knapp drei Dutzend Lautfetzen

30. Jänner 2009, 18:13
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Der renommierte Linguist Guy Deutscher stellt die Geheimnisse von Ursprung und Verfall menschlicher Sprachen unterhaltsam dar

Was ist das: Die größte Erfindung der Menschheit, die nie erfunden wurde? Die außerdem die hohe Kunst, die in ihr steckt, in Selbstverständlichkeiten hüllt? Das wichtigste Instrument der Kommunikation, das sich zur Gänze verschließt, wenn man sich unvorbereitet an fremden, fernen Orten bewegt? Die Lösung des Rätsels ist einfach und komplex zugleich: die Sprache. Die Sprache, das sind knapp drei Dutzend unterschiedliche Lautfetzen und Mundstellungen, die, wie von einer geheimnisvollen Maschine aneinandergereiht, sämtliche rationalen und emotionalen Regungen der menschlichen Existenz ebenso offenbaren können wie die Ordnungen des Universums.

Manchmal decken diese tönenden Zeichen auch das Eigentliche zu oder entlarven es in den Leerstellen, den Pausen dazwischen. Im Schweigen. Ein Satz ist jedenfalls mehr als die Summe seiner Wörter - erst die Anordnung ergibt den Sinn. Das allein schon ist faszinierend. Die Verständigung kann sich auf einen Laut beschränken, aber ebensosehr gibt es ausufern-de Konstruktionen wie "Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitän". Aber darüber denken wir nicht nach, es sei denn wir sind Linguisten. Wir reden einfach, was das Zeug hält - oder eben nicht.

Guy Deutscher, renommierter israelischer Sprachforscher an der Universität Leiden, hat den Versuch unternommen, dem Geheimnis der Sprache und dem Phänomen von Zusammenbruch und Zerfall ihrer Strukturen auf unterhaltsame Weise nachzugehen: Der Titel seines Buches "Du Jane, ich Goethe" will darauf verweisen, dass uns eine historisch weitverzweigte Durchmessung gesellschaftlicher Kommunikationsmuster erwartet. Eine Geschichte der Sprache, die von der Entschlüsselung der Keilschrift ebenso erzählt wie von der Rolle der Metaphern, die eine tiefere emotionale Ebene ansprechen und schließlich versteinerte Riffe bilden, aus denen Sprachstruktur erwächst.

Und eine Geschichte, die eine Fülle von Fragen aufwirft: Warum ist im Türkischen ein Wort genug, um auszudrücken, wofür andere Sprachen vieler Worte bedürfen? Warum ist das Mädchen sächlich, und was hat der "spoon" , der Löffel, im Englischen mit Holz zu tun? Ein Buch jedenfalls, das mit witzigen Beispielen linguistische Spitzfindigkeiten erklärt und das sich jedem, der Sprache liebt oder für den Sprache Teil seiner Profession ist, empfiehlt. So erfahren wir gleich zu Beginn, dass die sprachliche Basis unserer Verständigung nur scheinbar eine gesicherte ist, dass wir uns vielmehr auf dem schwankenden Boden von Unbeständigkeit und ständiger Veränderung bewegen. Das zeigt uns Deutscher auch an einer Passage aus dem neuen Testament: Je weiter man diese Textstelle zurückverfolgt, desto unverständlicher erscheint sie - das Deutsch um das Jahr 830 liest sich für Nichtgermanisten wie Kauderwelsch.

Auch erschließt sich wieder einmal die unermessliche Vielfalt der Welt: Rund 6000 Sprachen existieren und haben, bei aller Verschiedenheit, in ihren Dynamiken und in ihren Entwicklungsprinzipien eine Gemeinsamkeit: Wandel, Zerstörung, Erschaffung und Ordnungsdrang. Denn eines hat die Sprachforschung von jeher beschäftigt: Wie ist es möglich, dass zunächst hochkomplexe Sprachgebäude vorhanden bzw. aufgebaut worden sind und dann der sukzessiven Zerstörung anheimfielen und starben, wie Altgriechisch oder Latein, um kreative Kräfte für Neuschöpfungen freizulegen? 5000 Jahre alte schriftliche Aufzeichnungen wurden gefunden, wobei das Sumerische als früheste belegte Sprache mit allen zentralen Merkmalen des modernen Ausdrucks gilt. Aber wann der Homo sapiens begann, sich auf die Brust trommelnd, "Ich Tarzan" und, mit dem Finger auf seine Partnerin deutend, "Du Jane" zu sagen, das verbirgt sich im Dunkel der Frühgeschichte.

Theorien zur Sprachentwicklung entstanden im Laufe der vergangenen Jahrhunderte genug. Jean-Pierre Brisset beispielsweise wollte um 1900 nachweisen, dass sich Sprache aus dem "Quak" der Frösche entwickelt habe: In einem Froschteich habe ihn ein Frosch angesehen und "Quak" gemacht. Brisset entnahm daraus die verkürzte Fassung der Frage "Quoi que tu dis?" und begann davon alle möglichen Kombinationen und Permutationen abzuleiten. Andere gängige Theorien wollen aus Schreien, aus Gesten und/oder der Zeichensprache, aus Körperpflege, Gesang und Tanz, Saugen, Kauen oder Lecken sprachlichen Fortschritt herausfiltern. Für Deutscher sind das alles "Fantasieprodukte". Auch die Frage, ob Sprache angeboren ist, ob es ein Gen gibt , zumal sich Kleinkinder bemerkenswert rasch jede beliebige menschliche Sprache aneignen, lässt keine schlüssigen Antworten zu - die Hardware des Gehirns ist eine mysteriöse Angelegenheit: "Mit Sicherheit lässt sich nicht erkennen, ob die spezifischen Eigenschaften von Grammatik bereits in den Genen codiert sind oder ob das, was angeboren ist, nicht mehr als ein allgemeiner Generalplan der Kognition ist" . Weil das eine vorläufig unauflösbare biologische Kontroverse bleibt, konzentriert Deutscher sich lieber auf die Prozesse der kulturellen Entwicklung und räumt mit Klischees des "Früher war alles besser" auf.

Behauptungen vom Niedergang der Sprache füllen inzwischen ganze Bibliotheken. Umso amüsanter ist es, zu lesen, dass diese Klage schon in früheren Jahrhunderten auf der Tagesordnung stand und Sprachhüter verschiedener Nationen sich echauffierten: So hieß es 1843 aus der Académie Française, das Französische verfalle, der Anfang vom Ende sei auf das Jahr 1789 zu datieren. Académie-Mitglied Victor Hugo reagierte mit Spott und fragte nach: "A quelle heure, s'il vous plait?" - " Um welche Uhrzeit denn genau, bitte?" (Sibylle Fritsch, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 31.01/01.02.2008)

 

Guy Deutscher, "Ich Jane, du Goethe. Eine Geschichte der Sprache" . Aus dem Englischen von Martin Pfeiffer. € 24,90 / 416 Seiten, C. H. Beck, München 2008

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