Essmanieren in der Straßenbahn

30. Jänner 2009, 18:04
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Glanz und Elend des Dauerdippens

Kolumnisten in Themenfindungskrisen kennen zum Glück ein immergrünes Ersatzmotiv: den jüngsten Stand der Esssitten in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Ich mache da keine Ausnahme und erstatte gerne Bericht davon, was mir vor ein paar Tagen im 38er widerfahren ist: Da versuchte mich nämlich ein Fahrgast mit einer opulenten Capricciosa-Schnitte aus dem Weg zu wedeln.

Wer weiß, womöglich hätte ich mich in einer Stimmung spätnachmittäglicher Nachgiebigkeit auch wegwedeln lassen, wäre mir nicht der Ausweichraum durch einen heiß hinter meinem Nacken dampfenden Döner (oder war es ein dampfendes Dürüm?) versperrt gewesen. Eine delikate Klemme. Verschärft wurde sie durch einen prägnant nach Eau de Pipi und Caca Intense riechenden Herrn in der Mitte des Waggons, der die Fahrgäste in hellen Scharen in die Extremregionen des 38ers trieb, wo wir uns dann gemeinsam nett zusammenkuschelten. Alles in allem eine olfaktorisch und auch sonst recht dichte Situation, hart am Rande einer Geruchskrise.

Von gelegentlichen Vorfällen dieser Art abgesehen, bin ich mit den Wiener Linien aber hochzufrieden. Zu überlegen wäre allenfalls die Einrichtung eines Speisewagens in der Zugmitte, um Unterbrechungen der Nahrungskette bzw. Durststrecken schon im Ansatz vorzubeugen.

In Teneriffa habe ich einmal ein Ehepaar (Gewichtsklasse 150 plus) gesehen, das der Institution der ambulanten Verköstigung eine bemerkenswerte Variante abgewonnen hatte: Der Ehemann hatte eine Art Trage vorn aufgeschnallt, auf der neben Hamburgern, Limonaden und Pommes frites auch mehrere Schälchen mit Dips aufstellt waren, sodass beide Gehen und Dippen mühelos miteinander kombinieren konnten. Bei einer solch raffinierten Versorgungsinfrastruktur hat nicht einmal der kleine Hunger eine Chance.

Die schlechte Nachricht ist natürlich die, dass Dauerdippen dick macht und ungesund ist. Die gute Nachricht ist die, dass die schlechte Nachricht nicht wahr ist, oder wenigstens nicht, was die Gesundheit betrifft. Das geringste Sterberisiko bei Menschen um die 50, berichtete nämlich neulich das New England Journal of Medicine (Bd. 359, S. 2105), haben nicht die Ultraschlanken, sondern jene, die leicht übergewichtig sind. Sieht also so aus, als müsste man just im Darwinjahr 2009 ein paar alte evolutionstheoretische Grundüberzeugungen über Bord werfen und vielleicht gar von einem Survival of the fattest ausgehen. (Christoph Winder, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 31.01/01.02.2008)

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