"Harte Landung in China"

30. Jänner 2009, 18:39
233 Postings

US-Wirtschaftsprofessor Nouriel Roubini im STANDARD-Interview: "Krise wird schlimmer, als die Menschen erwarten"

Im Gespräch mit Alexandra Föderl-Schmid in Davos prophezeit er, dass die Aktienkurse um weitere 20 Prozent fallen werden.

***

STANDARD: Vor einem Jahr warnten Sie in Davos eindringlich vor einer Rezession, aber fast niemand hat auf Sie gehört. Warum?

Roubini: In Zeiten von irrationalem Überschwang glauben Menschen dumme Sachen. Etwa, dass der Dow Jones auf 36000 Punkte klettern kann. Oder dass Aktien um 30 Prozent pro Jahr steigen können. Es braucht Menschen mit rigoroser intellektueller Unabhängigkeit, die das Gegenteil sagen. Die meisten Menschen haben mit der Wall Street zu tun oder arbeiten für Unternehmen, die das so sehen wollen, Politiker müssen vorsichtig sein. Es gibt einen Herdentrieb am Finanzmarkt. Wenn man sich in der Herde bewegt, dann fragt man nicht, wohin das führt, sondern beugt den Kopfund trottet weiter. Auch bei ihren Portfolio-Entscheidungen folgen die Menschen diesem Herdentrieb, das ist bei Vorhersagen genauso.

STANDARD: Was erwarten Sie für den Aktienmarkt in diesem Jahr?

Roubini: Die Kurse können noch um weitere 20 Prozent fallen. Wir haben die schlimmste Finanzkrise seit der Großen Depression in den 30er Jahren. Die US-Banken und viele europäische Banken sind insolvent. Die Aufräumarbeiten werden sehr teuer werden. Das ist eine global synchronisierte Rezession, die jeden erreicht: USA, Europa, Japan, aufstrebende Märkte und Entwicklungsländer, sogar eine harte Landung in China. Es wird in den nächsten Monaten schlechter als bisher erwartete makroökonomische Nachrichten, schlechter als erwartete Einnahmen der Unternehmen und schlimmer als erwartete Schocks an den Finanzmärkten geben. Aufstrebende Märkte geraten in Schwierigkeiten. All diese schlechten makroökonomischen, politischen, finanziellen Nachrichten treffen den Aktienmarkt negativ. Er wird weiter nach unten gehen. Es wird schlimmer als die Menschen erwarten.

STANDARD: Was erwarten Sie im Detail für Europa?

Roubini: Ich bin pessimistisch. Die Bedingungen in der Eurozone waren ursprünglich besser als in den USA. Abgesehen von Großbritannien, Irland und Spanien gab es nicht so eine Immobilienblase. Aber die politischen Antworten waren dann sehr schwach: Zu wenig und zu spät. Der finanzpolitische Stimulus in der Eurozone ist schwach, denn diejenigen, die es sich leisten können wie Deutschland, wollen es nicht. Diejenigen, die es am meisten brauchen, wie Italien, Frankreich, Portugal und Spanien können es sich nicht leisten. Die Probleme der Banken sind sehr exponiert, sie sind ungeschützt, mit hohem Fremdfinanzierungsgrad. Jetzt gibt es auch noch das Risiko einer Finanzkrise in Osteuropa.

STANDARD: Österreichische Banken sind sehr stark in Osteuropa engagiert. Wie schätzen sie die Lage dort ein?

Roubini: Von den Balkanstaaten abwärts bis nach Ungarn, Bulgarien, Rumänien, Ukraine und Russland gibt es signifikanten finanziellen Druck. Österreichische Banken haben dort ein hohes Maß an Gefährdungen. Diese Länder haben nicht nur eine Rezession, sondern schlechterdings können einige auch in eine Finanzkrise schlittern, die die Währungen und das Bankensystem trifft. Die weitere Entwicklung hängt davon ab, ob diese Länder genug Unterstützung von internationalen Organisationen wie dem Internationalen Währungsfonds bekommen. Wenn das nicht geschieht, dann wird es problematisch, auch für die österreichischen Banken, die Geld geliehen haben.

STANDARD: Sehen Sie den Euro in Gefahr?

Roubini: Nicht kurzfristig. Man muss aber Anpassungen in der Eurozone vornehmen. Es gibt noch keinen Kollaps der Währungsunion, aber die Eurozone driftet auseinander. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.1./1.2.2009)

Zur Person

Der New Yorker Wirtschaftsprofessor Nouriel Roubini studierte die Krisen in der Dritten Welt und sagte dann vor zwei Jahren präzise den Finanzkollaps ab 2008 vorher. Die Rezession werde 25 Monate dauern - erst die Hälfte sind geschafft. Seit seine Prophezeiungen eingetroffen sind, gilt er als Star unter den Ökonomen mit dem Spitznamen Dr. Doom (Dr. Untergang). Roubini wurde 1958 in Istanbul als Kind iranischer Juden geboren, wuchs in Italien auf. In Harvard arbeitete er mit dem Ökonomen Jeffrey Sachs und dem jetzigen US-Finanzminister Timothy Geithner. (afs)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Der US-Ökonom Nouriel Roubini kritisiert die EU-Staaten. Ihre Reaktionen seien langsam und zu schwach gewesen.

Share if you care.