Kochrezepte als Kraftspender gegen die Nazis

30. Jänner 2009, 17:38
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Elsie Herberstein & Anne Georget, "Les Carnets de Minna"

Im Jahr 1970, ein Vierteljahrhundert nach dem Tod der Mutter im Konzentrationslager Theresienstadt, läutet es bei Anny Stern in New York an der Tür. Ein Unbekannter drückt ihr ein Päckchen in die Hand. Darin findet sie alles, was von ihrer Mutter Minna Pächter aus Prag übrig ist: ein paar Briefe, Fotos. Vor allem aber ein Rezeptheft, zusammengenäht, mit zittriger Schrift auf brüchiges Papier geschrieben. Minna Pächter hat die Rezepte im KZ gemeinsam mit Schicksalsgenossinnen aus dem Gedächtnis aufgeschrieben, als ein Stück gastronomische Kultur, dessen Geschmack für sie nur noch im Geiste erlebbar war - die Erinnerung an vergangene Genüsse als Kraftspender in dunkler Zeit.

Les Carnets de Minna, das einstweilen nur auf Französisch erhältlich ist, haucht den Rezepten auf wunderbare Weise neues Leben ein. Neben Faksimiles des Originaltexts und Tagebuch-Auszügen sind es vor allem die zartfühlenden Zeichnungen und Koch-Instruktionen der Illustratorin und Co-Autorin Elsie Herberstein, die den beklemmenden Zauber dieses Buches ausmachen. Minna Pächter ist am Jom-Kippur-Tag 1944 in Theresienstadt umgekommen. Zuvor rang sie einem Mithäftling das Versprechen ab, die Rezepte ihrer Tochter zukommen zu lassen. Neben einem berührenden Stück Zeitgeschichte kommt man mit diesem Buch auch in den Genuss von Rezepten der bürgerlich mitteleuropäischen Küche, die ganz offenbar mit ihren Verfassern untergegangen waren. (Severin Corti, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 31.01/01.02.2008)

 

Elsie Herberstein & Anne Georget, "Les Carnets de Minna" . € 36,10 (via amazon.fr)/196 Seiten. Editions du Seuil, Paris 2008.

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