Den "bösen Ausländer" gab es schon immer

4. Februar 2009, 17:35
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Das Bild des Kulturkampfs ist alt - Und wer früher als "integrationsunwillig" bezeichnet wurde, hat sich früher oder später assimiliert

„Böse Zuwanderung", sagen die einen, „böser Kleingeist" entgegnen die anderen - doch bei einem Satz nicken alle: Früher war alles besser.
Früher, das war die Zeit, als Wahlkämpfe noch keine Ausländerwahlkämpfe waren, als es Zuwanderung gab, aber keine Integrationsprobleme, als über Rassismus noch nicht gestritten wurde.

Blick zurück

Doch stimmt das wirklich? Nein, sagt Leo Lucassen, Sozialhistoriker an der Universität Leiden in den Niederlanden. Lucassen hat die großen Einwanderungswellen in England, Frankreich und Deutschland miteinander verglichen und ist dabei zu einem eindeutigen Schluss gekommen: „Es gibt viel mehr Parallelen als Unterschiede."

Wie lange hat es gedauert, bis die irischen ImmigrantInnen in England sich vollständig integriert hatten? Mindestens 70 Jahre, konstatiert Lucassen, der Integration an zwei Merkmalen misst: Erstens daran, wie frei Menschen sind, ihre Wohnung, ihren Job, ihre Freunde zu wählen. Und zweitens daran, inwieweit sie sich mit ihrer neuen Umgebung identifizieren. Heute werde viel öfter vom zweiten Merkmal gesprochen, sagt Lucassen. Noch mehr: Der Begriff „Integration" bestehe fast nur noch daraus.

Iren hören nur auf den Papst

Zurück zur irischen Einwanderung im 19. Jahrhundert: Genau genommen wäre sie nicht einmal als Immigration zu bezeichnen, schließlich war die heutige Republik Irland ein Teil Großbritanniens. Wer als Ausländer bezeichnet wird, lag aber schon immer im Auge des Betrachters - und der war im Umgang mit den neuen Nachbarn gar nicht zimperlich. IrInnen seien bereit, ihre Arbeitskraft billig zu verkaufen, zum Schaden aller ArbeiterInnen Englands. Außerdem seien sie seien nicht selten betrunken und überwiegend antinational - als KatholikInnen „hören sie nur auf den Papst in Rom", so das Gerücht.

"Jeder Priester ein Kannibale"

Überhaupt war das Katholische ein bekömmliches Futter für alle, die sich gern auf der politischen Bildfläche zeigen wollten, aber nicht genau wussten, wie. Jeder katholische Priester sei „ein Mörder, ein Kannibale, ein Lügner und ein Dieb", hetzte der protestantische Polemiker William Murphy bei einem seiner öffentlichen Referate. Auch andere RednerInnen sprachen von einem Kampf der Kulturen, wobei das Irisch-Katholische als Bedrohung der „liberalen" protestantischen Werte gezeichnet wurde: Der „Clash of Civilizations" im Fin-de-siècle.

"Heute wäre das undenkbar"

Ein paar Jahrzehnte später kam es neuerlich zu einer großen Einwanderungswelle in England: Diesmal kamen sie von weiter weg, aus Westindien, doch die Abneigung war gleich groß: „Die Engländer waren sehr pessimistisch, was die Integrationsfähigkeit betraf", sagt Lucassen. „Man konnte die Inder vielleicht mögen. Aber sich vorzustellen, dass sie einmal richtige Engländer sein würden, das ging gar nicht." Denn in den Augen der Mehrheitsgesellschaft waren die InderInnen „Blacks" - und somit „unfit for being British". „Keep Britain White" war ein Slogan, der 1960 auf dem Londoner Trafalgar Square auf Dutzenden Transparenten prangte - ganz offiziell und unter Polizeischutz. „Heute wäre das undenkbar", sagt Lucassen - und fügt hinzu: „Keep Britain Christian" wäre wohl ein Pendant dazu, das heute sehr wohl toleriert würde.

So schließt sich die Klammer: Schon immer gab es Gruppen, die als „nicht integrierbar" betrachtet wurden, so Lucassens Beobachtung. Wie lange diese Gruppen dann tatsächlich brauchten, um sich einzugliedern, steht auf einem anderen Blatt: Bei den irischen Zuwandern nahm es deutlich mehr Zeit in Anspruch als bei den indischen und pakistanischen. Die Gründe dafür sind vielfältig.

Sie kommen - und bleiben hier

Wie kann der Staat nun beeinflussen, wie schnell oder langsam Integration verläuft? Lucassen setzt früh an - und zwar schon bei der Grenzsicherung: Dass Grenzkontrollen nicht funktionieren, sei bekannt. Was kaum jemand wisse, ist, dass jene, die es über die Zäune schaffen, umso länger da bleiben: „Wer so viel in die Einreise investiert hat, der geht so schnell nicht mehr weg." Und wer es schon einmal geschafft hat, der sorge dafür, dass auch die übrige Familie nachkommt. Es liege an den Aufnahmegesellschaften, das zu akzeptieren. (Maria Sterkl, derStandard.at, 4.2.2009)

Leo Lucassen war letzten Donnerstag bei einer Vortragsreihe des Instituts für Wirtschaftsgeschichte an der Uni Wien zu Gast. Sein neuestes Buch „The Immigrant Threat. The Integration of Old and New Migrants in Western Europe since 1850 ist 2005 bei University of Illinois Press erschienen.

 

Buchtipp

Leo Lucassen: "The Immigrant Threat. The Integration of Old and New Migrants in Western Europe since 1850: University of Illinois Press, Urbana and Chicago, Oktober 2005

  • London in den 1960er-Jahren: Verschiedene Minderheiten schließen sich zusammen, um gegen rassistische Gesetzgebung zu demonstrieren
    foto: movinghere.org

    London in den 1960er-Jahren: Verschiedene Minderheiten schließen sich zusammen, um gegen rassistische Gesetzgebung zu demonstrieren

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