Medikament sucht Patient

1. Februar 2009, 20:19
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Personalisierte Medizin ist ein Trend, die Pharmawirtschaft arbeitet an effektiv zielgerichteten Medikamenten

Bei den meisten Medikamenten lässt sich nicht hundertprozentig vorhersagen, ob sie bei einem bestimmten Patienten wirken werden oder nicht. Ein Paradebeispiel sind verschiedene Chemotherapeutika bei Brustkrebs: Mitunter helfen sie Patientinnen nicht, nur weiß der Arzt im Vorhinein nicht, welches Medikament wirken wird. 

Die Folge: Die Behandlung nützt nicht, verursacht außer Nebenwirkungen nichts und kostet dem Gesundheitssystem unnötig viel Geld. In den letzten Jahren wurden genau aus diesem Grund große Hoffnungen auf die sogenannte "personalisierte Medizin" gelenkt. Dadurch ergibt sich eine ganz neue Dynamik. In Zukunft sollen zunächst die molekularen Eigenschaften eines Patienten und seiner Erkrankungen analysiert werden, und erst danach soll ein tatsächlich zielgerichteter Wirkstoff gefunden werden. Nach diesem Prinzip wird zum Teil bereits in der Onkologie gearbeitet - etwa mit Glivec bei Leukämie oder Herceptin für bestimmte Formen des Brustkrebs.

Biomarker im Vorfeld

Einstweilen sind nur wenige Medikamente in dieser Art auf dem Markt und auch hier kommt es zu unerwarteten Nebenwirkungen und Resistenzen. Während personalisierte Medizin also aus Sicht des einzelnen Kranken noch in den Kinderschuhen steckt, ist sie aus Sicht der Pharmafirmen seit langem eine Realität, an der gearbeitet wird. Konkret geht es um Biomarker, also Indikatoren, die anzeigen, ob ein Wirkstoff im individuellen Fall "der richtige" für einen Patienten ist, also auch tatsächlich hilft. Über Biomarker und ihren Einsatz wurde auf der diesjährigen Tagung der Österreichischen Proteomik Plattform (APP) in Seefeld heftig diskutiert. Unter dem Begriff Proteomik wird die Erforschung der Gesamtheit aller Proteine in einem biologischen System bezeichnet.

Scott Patterson vom Pharmakonzern Amgen zeigte auf, wie ein Biomarker helfen kann, "Patienten zu sortieren." Amgen hat kürzlich einen neuen Antikörper als Wirkstoff gegen Darmkrebs entwickelt. In klinischen Studien zeigte sich zunächst, dass nur ein kleiner Teil der Probanden auf den Antikörper ansprachen. In den USA wurde der Wirkstoff trotz der niedrigen Ansprechrate zugelassen, in Europa nicht.

Dann aber fanden die Amgen-Forscher heraus, dass das Mittel bei all jenen Patienten nicht wirken konnte, die eine Mutation im Gen KRAS hatten. Die Forscher filterten also nachträglich alle Studienteilnehmer mit mutiertem KRAS heraus - und verdoppelten dadurch die Ansprechraten. Damit war auch die europäische Behörde überzeugt und ließ den Wirkstoff zu, gekoppelt an den diagnostischen Test auf das mutierte Gen. Der Test wird jedoch wiederum in den USA nicht anerkannt. Das führt nun zu der paradoxen Situation, dass der Wirkstoff dort auch Menschen verschrieben werden darf, denen er erwiesenermaßen nicht helfen kann - eine, so Patterson, äußerst unbefriedigende Situation.

Therapie mit Bedingung

Pharmafirmen verwenden mittlerweile fast ebenso viel Mühe auf die Entwicklung von begleitenden Tests wie auf die eigentlichen Wirkstoffe. Cristiano Migliorini leitet ein Forschungskonsortium bei Roche, das gemeinsam mit der ETH Zürich nach einer Therapie für Diabetes Typ II sucht. "Wenn man Biomarker und Wirkstoff hat, lassen sich Medikamente viel schneller entwickeln, weil man die richtigen Patienten für klinische Studien auswählt", sagte Migliorini in Seefeld. Jedenfalls sei man bisher mit dieser Strategie in kurzer Zeit sehr weit gekommen.

Aus Sicht eines Grundlagenforschers resümiert Lukas Huber von der Med-Uni Innsbruck: "Die personalisierte Medizin entwickelt sich aus zwei Richtungen, die einander ergänzen. Zum einen werden die molekularen Grundlagen der Krankheiten erforscht und zielgerichtete Wirkstoffe entwickelt. Zum anderen versucht man, die Effekte der Wirkstoffe molekular zu verstehen, um etwas über menschliche Physiologie zu lernen." Huber ist wissenschaftlicher Leiter des Zentrums für personalisierte Krebsforschung Oncotyrol in Innsbruck. Auch das Forschungszentrum CeMM in Wien unter Leitung von Giulio Superti-Furga erforscht auf Patienten maßgeschneiderte Behandlungsmethoden. In einem Punkt waren sich die Teilnehmer der Seefelder Tagung jedenfalls einig: Egal, ob die Forschung von der Krankheit oder vom Wirkstoff ausgeht, das Ergebnis sollte letztlich sein: wirksamere Medikamente. (Carola Hanisc, DER STANDARD, Printausgabe, 2.2.2009)

 

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