"Bei einer Riesenchance muss man zupacken"

5. Februar 2009, 09:47
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Bestseller-Autor Malcom Gladwell über A-Klasse-Eishockeyspieler, die Beatles und Bill Gates

"Fleiß, Talent, Ausdauer und Glück reichen nicht aus, um erfolgreich zu sein", das ist die Botschaft, die der Journalist Malcom Gladwell überbringen will. Im Interview mit Marietta Türk erklärt der Bestsellerautor warum manche Menschen im Leben außergewöhnlich erfolgreich sind und andere nicht und weist dabei immer auf Eines hin: es sind meist die äußeren Gegebenheiten, die Erfolg überhaupt möglich machen.

derStandard.at: Warum sollten Eishockey-Spieler im Jänner geboren werden?

Gladwell: Weil das internationale Rekrutierungsdatum für A-Klasse-Eishockey der 1. Jänner ist. In Ländern, in denen Eishockey wichtig ist, werden talentierte Spieler im Alter von neun oder zehn Jahren rekrutiert. Sie bekommen spezielles Coaching, Training und mehr Förderung. Aber die Sache ist die: in diesem Alter sind die besten Spieler die ältesten, also jene, die am nahesten rund um das Qualifikationsdatum geboren sind. Es macht einen enormen Unterschied ob ein Kind im Jänner oder Dezember eines Kalenderjahres geboren wurde - das können einige Zentimeter Größenunterschied sein oder ein paar Kilo Körpergewicht mehr oder weniger.

derStandard.at: Warum reichen Talent, Fleiß, Geduld und Glück nicht aus, um außergewöhnlich erfolgreich zu sein?

Gladwell: Weil das Individuum so oft Dingen ausgeliefert ist, die es nicht kontrollieren kann. Talent allein reicht deshalb nicht, weil das Gesellschaftssystem nur wenigen Talenten auch die Möglichkeit gibt, ihre Fähigkeiten zu entwickeln. Es braucht viel Zeit und Anstrengung um das Beste aus seinem Talent zu machen - abhängig von vielen andere Faktoren und Personen.

derStandard.at: Das klingt frustrierend für Menschen, die sehr hart arbeiten um etwas zu erreichen...

Gladwell: Ich versuche ein realistisches Bild zu zeichnen. Menschen sollten nicht mit Mythen gefüttert werden, nur um sie bei Laune zu halten. Sie sollten die tatsächlichen Quellen des Erfolgs verstehen. Es liegt vor allem an der Gesellschaft, Erfolgsbarrieren abzubauen. Diese Nachricht kann zwar manchmal frustrierend sein, aber so funktioniert die Welt. Hart zu arbeiten ist eine gute Lektion, aber man sollte es nicht zu weit treiben. In meinem Buch geht es schon darum auch hart zu arbeiten um erfolgreich zu sein, aber den Menschen auch eine Chance zu geben.

derStandard.at: Gibt es etwas, das erfolgreiche Menschen wie Bill Gates oder die Beatles gemeinsam haben?

Gladwell: Sie haben gemeinsam, dass ihnen die Möglichkeit gegeben wurde hart zu arbeiten und dass sie irgendwann kapiert haben, dass das eine Riesenchance für sie ist. Die Beatles in Hamburg oder Bill Gates, wie er als Kind Computer entdeckt hat - ihnen wurde eine einzigartige Chance geboten und sie haben sie ergriffen. Man muss sie aber eben auch erkennen.

derStandard.at: Untersuchungen zeigen, dass 10.000 Übungsstunden erforderlich sind, um sich ein hohes Maß an Kompetenz anzueignen. Sie sagen, dass es dabei keine Rolle spielt ob man Pianist, Basketballspieler oder Schauspieler ist, warum?

Gladwell: Jeder Mensch hat ein Gehirn. Und das braucht eben 10.000 Stunden um Fähigkeiten ins Langzeitgedächtnis zu transferieren, die den außergewöhnlichen Erfolg eines Menschen ausmachen. Nur dann sind diese Fähigkeiten gut zugänglich - egal ob bei einem Chirurgen oder einem Jazzmusiker. Mir fiel in Gesprächen mit Experten aus unterschiedlichsten Bereichen auf, dass der zeitliche Aufwand für ihr exzellentes Können immer zirka 10.000 Stunden - was sich auf zehn Jahre beläuft - war.

derStandard.at: Die ökonomische Krise ist in aller Munde. Ist es nun schwieriger außergewöhnlichen Erfolg zu haben?

Gladwell: Das Traurige an der Konjunkturschwäche ist, dass sich viele Türen schließen werden. Es wird härter, aber hoffentlich nicht für lange. Ich hoffe aber, dass die Schwierigkeiten Menschen dazu ermutigen werden, neue kreative Ideen zu entwickeln. (derStandard.at, 5.2.2009)

  • Zur Person
Malcom Gladwell arbeitete als Wirtschafts- und Wissenschaftsreporter für The Washington Post. Heute ist er Journalist für den New Yorker und Autor der Bestseller Tipping Point und Blink. Sein neuestes Werk heißt Outliers (dt. Überflieger)
    foto: brooke williams

    Zur Person

    Malcom Gladwell arbeitete als Wirtschafts- und Wissenschaftsreporter für The Washington Post. Heute ist er Journalist für den New Yorker und Autor der Bestseller Tipping Point und Blink. Sein neuestes Werk heißt Outliers (dt. Überflieger)

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