"Auswandern ist aufwändig"

8. März 2009, 19:50
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Ob weiterhin genügend Pflegekräfte zuwandern werden, sei ungewiss, sagt Gesundheitsökonom August Österle im Interview

Den Aufwand mit dem Nutzen abwiegen: Diplomierte Pflegekräfte aus dem Ausland wurden bisher von höherer Bezahlung und sicheren Arbeitsplätzen nach Österreich gelockt. Doch die Lohniveaus gleichen sich langsam einander an, und die Gesundheitssysteme werden in vielen Ländern umgebaut. Ob sich die Mühe, Heimatland und  Familie zu verlassen, noch "auszahlt", und aus welchen Gründen die PflegerInnen nach Österreich kommen, erklärt August Österle, Professor für Sozialpolitik an der Wirtschaftsuniversität Wien, im Gespräch mit derStandard.at.

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derStandard.at: Wäre das Gesundheitssystem in Österreich weiter aufrecht zu erhalten, wenn keine ausländischen Arbeitskräfte nach Österreich kommen würden?

Österle: Die Beschäftigung ausländischer Arbeitskräfte trägt wesentlich dazu bei, den Bedarf an Personal im österreichischen Gesundheits- und Pflegewesen zu decken. Vor allem im Bereich der Pflege wird der Bedarf in den kommenden Jahren noch deutlich ansteigen. Gleichzeitig ist nicht sicher, ob Personal aus den angrenzenden östlichen EU-Mitgliedsländern auch in Zukunft in diesem Ausmaß in Österreich arbeiten wird. Um den Bedarf zu decken wird es daher dringend notwendig sein, die Attraktivität des Pflegeberufes generell zu stärken.

derStandard.at: Wie hoch ist der Anteil von Pflegekräften aus dem Ausland in Österreich?

August Österle: Wir gehen von rund zehn Prozent aus. Was bei unseren Erhebungen aber nicht erfasst ist, ist der Bereich der Heimhilfe, oder auch der Bereich der vieldiskutierten 24-Stunden-Betreuung.

derStandard.at: Was sind die typischen Herkunftsländer?

Österle: Der größte Anteil, nämlich ein Fünftel, kommt laut unserer Erhebung aus Deutschland. Eine Zeit lang kamen viele Pflegepersonen von den Philippinen. Allerdings gab es in den vergangenen fünfzehn Jahren eine deutliche regionale Verschiebung bei den Herkunftsländern. Es kommen verstärkt Pflegepersonen aus den neuen EU-Mitgliedsländern, insbesondere Slowakei, Tschechische Republik und Polen.

derStandard.at: Kann man schon abschätzen, welche Auswirkungen das in den Herkunftsländern hat, Stichwort Brain Drain?

Österle: Dass viele nach der Ausbildung in andere Länder gehen, schafft tatsächlich Probleme. Einerseits auf der Ebene der Gesundheitssysteme, wo die Abwanderung teilweise dadurch ausgeglichen wird, dass es auch in diesem Raum Immigration aus noch weiter östlich liegenden Nachbarländern gibt. Herausforderungen gibt es aber auch im privaten Bereich. Pendeln und Migrieren ist mit großen Aufwendungen verbunden. Das gilt besonders dann, wenn nur ein Teil einer Familie wandert. Wenn Frauen als Pflegepersonen in einem anderen Land tätig sind, müssen häufig Betreuungstätigkeiten in den Herkunftsfamilien, sei es für Kinder oder auch für ältere Menschen, neu organisiert werden.

derStandard.at: Sind es nur finanzielle Gründe, die Menschen dazu bewegen, als Pflegekräfte in ein anderes Land zu gehen?

Österle: Ökonomische Gründe sind wichtig, aber nicht die einzig ausschlaggebenden. Dabei sind Lohnkosten und Lebenshaltungskosten von Bedeutung: Je geringer die Unterschiede in den Löhnen sind, umso weniger wahrscheinlich ist es, dass eine größere Zahl an Personen tatsächlich bereit ist, aus beruflichen Gründen in ein anderes Land zu gehen.

Ein zweiter wichtiger Faktor sind aber auch die beruflichen Perspektiven im Gesundheitssystem: Karrieremöglichkeiten, Aufstiegschancen, Qualifizierung. Die fehlende berufliche Sicherheit ist ein zusätzlicher Anreiz, in ein anderes Land zu gehen. Gerade in den Gesundheitssystemen mittel- und osteuropäischer Länder haben in den vergangenen Jahren Umbrüche stattgefunden. Es wurden teilweise in Krankenanstalten massiv Betten abgebaut. Alten- und Pflegeheime sind in vielen Regionen weit weniger ausgebaut als in Österreich. So etwas schafft Verunsicherungen und fehlende Perspektiven: Dadurch hat man dann ein zweites Argument, in ein anderes Land zu gehen, wo man sich größere Stabilität erwartet.

derStandard.at: Handelt es sich da um langfristige Migration, oder um ein zeitlich begrenztes Arbeiten in einem anderen Land?

Österle: Das muss nicht immer langfristig sein. Vor allem dort, wo Migration über kürzere Distanzen stattfindet und die sozialen Netzwerke im Heimatland bestehen bleiben, zum Beispiel in Nachbarländern wie der Slowakei oder der Tschechischen Republik, kann es sich auch um Pendeln oder um zeitlich begrenzte Migration handeln. Wenn die Lohnunterschiede geringer werden und die Beschäftigungsperspektiven im eigenen Land attraktiver werden, ist es durchaus wahrscheinlich, dass Pflegepersonen wieder zurückkehren. Die Lohnunterschiede sind nach wie vor beträchtlich, nehmen aber bereits ab.

derStandard.at: Wie einfach macht es Österreich dem Personal im Gesundheitswesen, einzuwandern? Wie sind hier die Abmachungen zur Anerkennung der Diplome?

Österle: Innerhalb der EU stellt die Anerkennung keine besondere Hürde mehr da. Es gibt die EU-Anforderung, dass Ausbildungen anerkannt werden müssen. Damit ist die Anstellung von Personen aus den neuen EU-Mitgliedländern auch administrativ einfacher, als aus Ländern wie Kroatien, Serbien und Bosnien. Und obwohl Österreich gegenüber östlichen EU-Mitgliedsländern noch immer Zugangsbeschränkungen für die Arbeitsmärkte hat, ist es gerade in der Pflege auf Grund des Bedarfes eher möglich, Personen aus diesen Ländern zu beschäftigen. Die Ausbildung in den Herkunftsländern ist generell auf einem sehr hohen Niveau.

 (Julia Schilly, derStandard.at, 8.3.2009)

Zur Person

August Österle arbeitet als Professor für Sozialpolitik an der Wirtschaftsuniversität Wien. Er forscht verstärkt zum Thema Gerechtigkeit in europäischen Gesundheitssystemen.

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    Wenn Menschen immer älter werden, steigt der Bedarf an Pflegekräften - doch niemand weiß, ob die Zuwanderung nach Österreich diese Nachfrage auch in Zukunft abdecken wird

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    "Es ist dringend notwendig, die Attraktivität des Pflegeberufes zu stärken", meint Gesundheitsökonom August Österle

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