Alfred Gusenbauer als Lehrer

"Ich habe nicht vor, in Frühpension zu gehen"

30. Jänner 2009, 16:33

Exkanzler Alfred Gusenbauer spricht in einem Workshop für SchülerInnen über seine Chance auf einen EU-Kommissionsposten, Guantanamo und die guten alten Zeiten

Als die JungredakteurInnen erfuhren, dass ihr "besonderer Gast" im Workshop "Europa erarbeiten" der EU-Referent der Arbeiterkammer Niederösterreich sein würde, zogen sie erstmal gelangweilte Gesichter. "Arbeiterkammer Niederösterreich" klang für die meisten nach verstaubtem Beamten, Mitte 50, beginnende Glatze. Doch bei der Namensnennung des Referenten stieg das Interesse sprunghaft. Der ehemalige Bundeskanzler Alfred Gusenbauer würde die kleine Gruppe mit seiner Anwesenheit beehren und sich für Diskussionen rund um das Thema Europäische Union zur Verfügung stellen. Dementsprechend groß die Aufregung bei den Schülerzeitungs-RedakteurInnen vor dem namhaften Besuch.

Locker und gelöst spazierte der zur vereinbarten Zeit in den Seminarraum und plauderte aus der Schule. Um sieben Schilling habe er damals im BG Wieselburg seine eigene Schülerzeitung feilgeboten. Nicht ohne sie vorher persönlich durch die Wachsmatrizenpresse gedreht zu haben. Eine kritische Schülerzeitung wäre das damals gewesen zu einer Zeit, in dem "Schülerdemokratie" für Lehrer noch ein Fremdwort gewesen sei.

Gusenbauer als EU-Kommissar

Kritisch dann auch die Fragen der Schülerzeitungs-RedakteurInnen heutzutage. An seinem dritten Arbeitstag als EU-Referent wurde der ehemalige Bundeskanzler dann auch gleich mit "knallharten" JungjournalistInnenfragen torpediert. Ob er denn eine Chance auf einen Job als EU-Kommissar hätte? Gusenbauer ließ Deutungsvarianten zu. Er habe "immer gesagt", dass ihn europäische Politik interessiere. Wie groß seine konkrete Chance auf einen Job in der Kommission sei, hänge im Endeffekt davon ab, wie sich die Regierungspartner entscheiden. Mit seiner Lehrtätigkeit in den USA, dem AK-Job und der neuen Firma hätte er aber genug zu tun: „Ich habe nicht vor, in Frühpension zu gehen".

Wie ein kleiner Seitenhieb auf die aktuelle Regierung klingt dann auch Gusenbauers Reaktion auf die Frage, ob er für eine Aufnahme von ehemaligen Guantanamo-Häftlingen in Österreich plädiere. "Es ist nicht meine Aufgabe, als Regierungssprecher zu fungieren", leitete Gusenbauer ein, doch sehe er prinzipiell keinen Grund, warum man sich nicht an "guten Aktionen" beteiligen sollte. Alles in allem sei die Diskussion rund um die Aufnahme der Häftlinge aber eine "hochgezüchtete" und in der öffentlichen Diskussion "unsaubere". Er sieht die Gefahr, dass hier Fremdenfeindlichkeit mitschwingt.

EU-Volksabstimmung

Breite Diskussionen über politische Themen gäbe es in Österreich aber prinzipiell zu wenige. Nicht nur deswegen plädierte Gusenbauer dafür, öfter auch das Volk abstimmen zu lassen. Der Vertrag von Lissabon wäre eine Möglichkeit für eine Volksabstimmung gewesen. "Es gibt keinen Grund, sich vor der Bevölkerung zu fürchten", so der Ex-Kanzler, der den Schwenk der SPÖ in der EU-Politik mitgetragen hatte. Eine Volksabstimmung auf europäischer Ebene hält Gusenbauer aber für kontraproduktiv. Vor allem in kleineren Ländern würde es dem "europäischen Bewusstsein" schaden.

Warum das "europäische Bewusstsein" denn in Österreich nicht sehr ausgeprägt sei, wollten zwei Schülerinnen aus Villach vom ehemaligen Bundeskanzler wissen, schließlich würden nur 17 Prozent der ÖsterreicherInnen zur EU-Wahl gehen wollen. Gusenbauer versuchte dieses Phänomen mit der Komplexität der Wahlen auf EU-Ebene zu erklären. Zu viele Personen und zu viele Parteien würden zur Wahl stehen. Die Menschen würden außerdem das Gefühl haben, keinen direkten Einfluss ausüben zu können.

"Schickt mir eure Zeitungen"

In letzter Zeit sieht Gusenbauer aber eine Veränderung in der EU-Stimmung im Lande. Den Menschen in Österreich wäre sehr wohl klar, dass die Wirtschaftskrise für Länder außerhalb der Europäischen Währungsunion weit gravierendere Auswirkungen habe.

Ungewohnt hart ins Gericht ging Gusenbauer mit der österreichischen Schulpolitik: „Unser Schulsystem ist keineswegs besser als andere". Viele Länder Europas würden im internationalen Vergleich viel besser abschneiden. Ein Vorteil für Österreich sei allerdings, dass das Erlernen von Fremdsprachen Tradition habe. Fremdsprachen zu erlernen und die Möglichkeiten von Auslandsaufenthalten zu nutzen war dann auch ein Tipp, den Gusenbauer den SchülerInnen mit auf den weiteren Lebensweg gab. „Macht das unbedingt jetzt, später kommt ihr nicht mehr dazu", bemühte er die Weisheit des Alters. Und: "Schickt mir eure Zeitungen." (mhe, derStandard.at, 30.1.2009)

 

Insgesamt zehn Mal finden in Wien die EU-Medienworkshops für RedakteurInnen von Schülerzeitungen statt. Profilierte EU-Journalistinnen und Journalisten namhafter heimischer Medien leiten diese intensiven Workshops. Auch derStandard.at-RedakteurInnen werden eines der dreitägigen Seminare begleiten. Organisiert werden sie vom Bund Europäischer Jugend/Junge Europäische Föderalisten Österreich.

Die Bedingungen für die Teilnahme an einem EU-Workshop finden Sie hier.

Link: Freie Plätze für Februar verfügbar: Anmelden zum Workshop EUropa erschreiben - Termine

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 44
1 2
Cosmic Slop
 
00
16.3.2009, 01:49
Gusenbauer ist kein Sozialist

Maria Gugging
16
Unverständlich

Mir ist wirklich unverständlich, warum hier so viele über Gusenbauer herziehen. Ist das die Macht der Gewohnheit?
Tatsache ist, dass Gusenbauer nach der Bundeskanzler-Zeit einen völlig "normalen" Beruf ausübt und sich dafür keinesfalls schämt.

Kdolsky zB hat ebenfalls ihren Bundesjob verloren. Sie aber lebt jetzt noch von Staatskosten, auf die andere verzichtet haben. Warum wird hier nicht gemeckert?! Weil sie von der ÖVP ist?!

Österreich hat offensichtlich wirklich nicht erkannt, was für eine kompetente Person den Posten des Bundeskanzler inne hatte. Chance verpasst.

Gusenbauers Fehler waren seine vielen kleineren Ausrutscher, die ihm viele nachgetragen haben. Schade um ihn.

maddox23
30

lol gusenbauer als kompetenter kanzler?

Genderwahnsinn0
00
13.3.2009, 20:45

Verglichen mit Faymann erscheint er als Experte.

Zeit Geist1
01
24.2.2009, 13:39

kompetenter als Faymann allemal!

jacques05
42
kleine ausrutscher...?

gusi hat die lüge zum programm erhoben, und das umfallen zur eigenen stilrichtung.
was aber weit schlimmer ist, er hat wie seine vorgänger
nach kreisky, die arbeitnehmer, die wenighaber, die
dieessichnichtrichtenkönnen verraten und war damit der willige knecht des neoliberalen eu der wirtschaft.
die faust aufs auge ist, er arbeitet jetzt bei der ak, er,
der die wirtschaft unterstützte.
ein interessenskonflikt, oder einfach nur frechheit.

QUMI
00

Kdolsky ist nichteimals das wert!

duke box
01
Exkanzler Alfred Gusenbauer spricht.....über seine Chance auf einen EU-Kommissionsposten, Guantanamo und die guten alten Zeiten

und wie ist jetzt seine chance auf guantanamo?
das geht aus dem interview irgendwie nicht hervor.

david crutton
00
Gibt er eigenltich...

...noch Nachhilfe???

Mostbluzer
00
nee, er indoktroyniert

kleine kinder. die werden sich noch wundern in 20 jahren, wen sie da vor sich hatten. ein kreisky wars keiner, eher ein lieber kerl aus der sandkiste, aber leicht naiv, eu-phorisch und mitläufer mit hang zum überkompensierenden schickimicki-kanzler, aber kein macher. nach dem motto: früher musste ich hart hackeln und alle links überholen, dass ich rauf komm, jetzt geb ichs mir mal ... wer schnell raufgehoben wird, ist sehr schnell wieder unten.

Der Standart - Die Zeidung für LeserInnen
11
Beamter, Mitte 50, beginnende Glatze

Naja, Gusenbauer wird zwar erst am Sonntag 49, aber das erklärt noch nicht, weswegen hier einerseits mit Klischees nicht gegeizt wird und andrerseits Gusenbauer einen Promibonus bekommt.

nike samothrake
102
herr gusenbauer

geht nicht in frühpension? noch immer nicht genug auf staatskosten gelebt? nichts anderes tun sie ja bei der arbeiterkammer. oder lassen störche ihr gehalt vom himmel fallen?
und würden sie eventuell mit dem geld eines frühpensionisten nicht auskommen?
mir bricht das herz.
haben sie das land noch immer nicht genug beschädigt?

Maria Gugging
03

Ehrlich gesagt denke ich nicht, dass Sie wirklich wissen, wovon Sie reden.

aufgabeschein
03
woher soll ein beamter denn sonst ein gehalt beziehen

wenn nicht vom staat, kluges kind?

das land beschädigt hat gusenbauer sicher nicht, denn er hatte durch die blockaden und spielchen der övp nicht einmal die chance etwas durchzubringen.
scheuklappen auf, nudelaug

jacques05
20
mit schimpfen können sie den...

verrat gusenbauers an der sozialdemikratie nicht kaschieren.
aber gut, gusi ist eben auch nur symptom der krankheit,
an der die sp schon lange leidet, und genaugenommen,
der sie bereits erlegen ist.

Wilhelm Steinwitz
22
Ich denke seine alten kontakte wird Gusi auch gut

einbringen können, etwa:
http://www.kurier.at/nachricht... 134522.php

Massimo Montanari
10
Ein gelungener Steinwitz - oder?

falltier
00
"Ich habe nicht vor, in Frühpension zu gehen"

schade.- immerhin will er jetzt nicht mehr kreisky II sondern nur mehr kommissar werden.

albert einstein
41
31.1.2009, 18:04

gscheiter wäre es wenn er in frühpension gehen würde!

Philosophia
00
31.1.2009, 16:01
Eine echte Aufgabe wäre, über direkte Demokratie und Bürgermitsprache zu referieren!

Die Partei ist nicht alles!

Fettsack
30
31.1.2009, 11:18
Gusenbauer sollte als Boxtrainer arbeiten..

Adyingwish
221
30.1.2009, 18:01

Herr Gusenbauer hat sich im Gegensatz zu manch anderen Politikern die Bodenhaftung bewahrt.
Er will politische Arbeit machen und macht sie einfach, man sehe sich doch mal andere ehemalige an und auf welche Versorgungsposten die gesetzt worden sind.

Ava Tar
54
31.1.2009, 10:18

Er macht politische Arbeit weil er nichts anderes kann. Bleiben's realistisch. Der Klima ist Chef von Volkswagen Argentinien geworden, ja, sicher zugeschanzt, aber der Klima hatte halt schonmal etwas in der Art getan in seinem Arbeitsleben. Gusenbauer nicht. Der ist lebenslanger Funktionär wie der Schüssel. Was sollen's mit dem jetzt machen außer bis zur Pension durchfüttern. Und womit er den Tag füllt sieht man ja. Nett für die jungen Leute, aber mit "Bodenhaftung" hat das weniger zu tun als schlicht & einfach mit Mangel an Alternativen.

Gusti Rentner
01
Wer Politikwissenschaften studiert hat,

hat wohl "Politik als Job".
So ist das Leben.

Der Standart - Die Zeidung für LeserInnen
00

da kann ich nicht d'accord gehen:
Wer PoWi studiert, hat die Politikwissenschaft, also die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Politik primär als Ausbildungsziel.
Das heißt jetzt nicht, dass man deswegen nicht für den Job "Politik" qualifiziert ist, aber das Studium bildet einen nicht zum Politiker/in aus.

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