Eine doppelte Melange

14. März 2003, 18:36
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Österreichs Manager zählen zu den Weltbesten - Allerdings bleiben sie nicht im Land - Kolumne von Antonella Mei-Pochtler

Heute ist mein Hochzeitstag. Ich habe einen Österreicher geheiratet, einen Manager und Unternehmer. Und: Wir leben und arbeiten in Österreich. Ganz normal, oder? Leider nicht.

Denn Manager zieht es hinaus aus Österreich, und zwar in Scharen. Quer durch alle Branchen und Länder besetzen sie Top- positionen: Ob Piëch oder Sihler, Mayrhuber oder Humer, Grabner oder Zeiler - um nur ein paar zu nennen. Der österreichische "Leadership-Anteil" übersteigt den Marktanteil. Die gute Nachricht: Österreichische Manager zählen zu den Weltbesten.

In einer EU-Studie wurden 3678 Manager aus 47 Ländern verglichen. Das Ergebnis: "Führungsstärke" (Platz 2) und "Kompetenz (Platz 8) sind die österreichischen Aktiva. Die gelungene Melange von germanischen und romanischen Eigenschaften ist der Austria-Faktor: erstens, die Fähigkeit zu kommunizieren und zu kooperieren - denn die Zeiten der einsamen Helden sind vorbei.

Zweitens, Charme und Charakter - die Zutaten für erfolgreiches Verhandeln und Entscheiden. Drittens, Kreativität und Disziplin - um Ideen kraftvoll, konsequent umzusetzen. Und: Sie verstehen mehr von dem, was sie von den anderen verlangen, weil sie - wie alle oben genannten Manager - ihrer Branche dann treu bleiben. Jetzt kommen die schlechten Nachrichten: Die vielen guten Manager hält's nicht im Land, und Unternehmer gibt es viel zu wenige.

Rückstand beim "Unternehmertum"

Beim "Unternehmertum" fallen wir stark zurück, noch hinter Brasilien, China und Russland. Ruhig, nett und freundlich ist es hier - ein Grund für ältere ausländische Manager, so gern nach Österreich zu kommen, aber Gift für den Managementnachwuchs. Denn neben attraktiven Karrieremöglichkeiten, die es begrenzt gibt - unter den Fortune 500 findet sich kein einziger Eintrag für Österreich - brauchen Managementtalente vor allem das richtige Umfeld: fordernd, dynamisch und leistungsorientiert. Auf genau diesem - harten - Nährboden wächst auch der Gründergeist. Da schließt sich der Kreis.

Konzertierte Rückholaktion

Die Konsequenz aus Manager-Surplus und Unternehmermangel? Wir brauchen eine konzertierte Manager-Rückholaktion. So wichtig es ist, dass sich österreichische Management-Diamanten im Ausland ihren Feinschliff holen, so notwendig ist es, dass sie später wieder nach Österreich zurückkehren und hier brillieren. Und zwar nicht als kaufkräftige Pensionisten, sondern noch als tatkräftige Unternehmer - 50.000 Unternehmen vor der Unternehmernachfolge warten nur darauf. Und - das wiederum bestätigt eine BCG-Untersuchung von Wachstumsunternehmen - Spätgründer, die nach einer Konzernkarriere das Unternehmertum wagen, sind überdurchschnittlich erfolgreich.

Harter Nährboden, softe Standortfaktoren: Auch hier hilft wieder einmal eine Melange von (angelsächsischer) Leistungs- und Unternehmenskultur und (österreichischer) Lebensqualität. Und was für das Umfeld gilt, das erlebe ich in meinen eigenen vier Wänden. Denn wegen so einer doppelten Melange bin ich nach Österreich gekommen - und feiere heute meinen Hochzeitstag.

Nachlese

--> "Denk' ich an Deutschland..." --> Gegen die Endzeit-Stimmung

Neue Ideen, Optimismus und frischer Schwung - das sind wichtige Voraussetzungen für eine positive Wirtschaftsentwicklung. Unter diesem Motto schreibt Antonella Mei-Pochtler jeden Samstag im STANDARD. Antonella Mei-Pochtler betreut Unternehmen bei der Entwicklung von Strategien und leitet die Boston Consulting Group in Österreich.

kolumne.at@bcg.com

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