Der bizarre Abschied des Rückenkratzers

30. Jänner 2009, 19:03
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Einstimmiger Beschluss des Senats - Blagojevich soll versucht haben, Obamas Senatssitz zu verkaufen - mit Video

Zum ersten Mal seit 20 Jahren ist ein Gouverneur in den USA aus dem Amt gejagt worden. Rod Blagojevich sieht sein Schicksal als griechische Tragödie, Kolumnisten fragen sich, ob er noch bei Sinnen ist.

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Warum, fragen sie entgeistert, musste er auch noch von Liz Taylor erzählen? Wieso musste er sich zum Schluss noch so blamieren? Hält er sich für Gott? Die Skala der Schlagzeilen am Tag danach reicht von "Farce" über "Theater" bis hin zu "Bitteres Ende", während Rod Blagojevich von einer griechischen Tragödie spricht. Am Donnerstag (Ortszeit) hat ihn der Senat von Illinois seines Amtes enthoben, einstimmig, mit 59 zu null. Der Mann, den alle nur Blago nennen, berühmt für seine perfekt frisierte schwarze Haarpracht, ist als Gouverneur Geschichte.

Worüber er sich in den nächsten Tagen den Kopf zerbrechen muss, hat er einer Zeitung bereits anvertraut. Er weiß nicht, wie er die Hypothek aufs Haus abstottern soll, wenn ihm plötzlich das üppige Gouverneurssalär fehlt, 177.000 Dollar pro Jahr.

Mit Geld fing alles an, im November, als Barack Obama ein historischer Wahlsieg gelang. Kraft seines Amtes durfte Blago bestimmen, wer Obama im US-Senat nachfolgen sollte. Er beschloss, den Sitz, dieses "verflucht goldene" Ding, meistbietend zu versteigern. Pech für ihn, dass das FBI mithörte, als der gierige Hobby-Auktionator mit Vertrauten die Einzelheiten besprach.

Weniger ist es der Akt der Amtsenthebung als solcher, der noch lange in Erinnerung bleibt. Mehr ist es der bizarre Abschied des Rod Blagojevich. Das Volk habe ihn gewählt, es unterstütze ihn, rief er wie ein moderner Robin Hood in die Runde. "Sie haben kein Recht, sich über den Willen des Volkes hinwegzusetzen. Wie können Sie einen Gouverneur mit unzureichenden Beweisen aus dem Amt jagen?" Wer auf diese Art putsche, vergehe sich an der Demokratie.

In freier Rede, fast eine Stunde lang, zog Blago alle Register. Von seinen Eltern erzählte er, Einwanderern aus Serbien. Vom Vater, der in Chicago Stahl kochte, von der Mutter, die Busfahrscheine knipste. Er selbst putzte Schuhe, wusch Teller, studierte Jura. 2002 wurde er Gouverneur von Illinois, ein Hoffnungsträger. Zuvor hatte er im Repräsentantenhaus das erlernt, was er als Regelwerk der Politik versteht. "Mit Idealismus hat das nichts zu tun. Ich kratze dir den Rücken, dafür kratzt du mir den Rücken, so funktioniert es."

Mittendrin in seinem wohl letzten Monolog vor großem Publikum kam der Gerade-noch-Gouverneur auf Liz Taylor, Hollywoods Diva, zu sprechen. Der Glanz des Kapitols, die historischen Korridore, die alten, weisen Herren in ihren stattlichen Büros - das habe ihn schon sehr beeindruckt. Da saß zum Beispiel John Warner, jener John Warner, der mit der Taylor verheiratet war. "Er hat mich gefragt, wie ich den Kaffee will. Ich wollte ihn schwarz."

Es ist die Passage, die Amerikas Kolumnisten am nächsten Tag fragen ließ, ob der Mann noch bei Sinnen ist. Auf die konkreten Vorwürfe ging Blagojevich nämlich mit keinem Wort ein. Obama quittierte den Rausschmiss mit einem dürren Zweizeiler, als wäre der ganze Skandal nur eine lästige Nebensache. "Heute geht eine schmerzliche Episode für Illinois zu Ende. Die Wolken haben sich verzogen." (Frank Herrmann aus Washington/DER STANDARD, Printausgabe, 31.1./1.2.2009)

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    Blagojevich vor seinem Haus in Chicago nach seinem letzten Auftritt als Gouverneur von Illinois. Statt auf Korruptionsvorwürfe einzugehen, sprach er vor Journalisten lieber von Hollywood-Diva Liz Taylor.

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    Der neue Gouverneur Patrick Quinn.

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