Erdogan verlässt aus Protest die Bühne

30. Jänner 2009, 08:58
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Auseinandersetzung mit israelischen Präsidenten Shimon Peres über Krieg im Gazastreifen - Bei Heimkehr bejubelt

Davos - Am Weltwirtschaftsforum in Davos ist es am Donnerstagabend bei einer Podiumsdiskussion über den Gazastreifen zu einem Eklat gekommen. Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan warf dem israelischen Präsidenten Shimon Peres vor, dass Israel Mord im Gazastreifen begangen habe. Als der Moderator versuchte, ihm das Wort zu entziehen, verließ Erdogan wutentbrannt den Saal. Alle anderen hätten viel länger reden dürfen, rief Erdogan, bevor er davonstürmte.

Bei Rückkehr in die Türkei gefeiert

Nach seiner wütenden Abreise wegen eines Streits mit dem israelischen Präsidenten Shimon Peres beim Weltwirtschaftsforum in Davos ist der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan bei seiner Rückkehr in Istanbul begeistert gefeiert worden. Tausende Demonstranten empfingen den Regierungschef in der Nacht auf Freitag auf dem Flughafen von Istanbul. Dabei schwenkten sie türkische und palästinensische Flaggen sowie Spruchbänder mit Texten wie "Willkommen zurück, Eroberer von Davos" oder "Welt, schau auf unseren Ministerpräsidenten". Auch anti- israelische Slogans wurden gerufen.

Zuvor hatten sich in der emotionalen Debatte Peres und der Generalsekretär der Arabischen Liga, Amre Moussa, heftig gestritten. Sie hielten sich gegenseitig Zitate vor und rechneten die Toten des Konflikts auf beiden Seiten hoch. Moussa warf Israel vor, seit 2001 ein Verhandlungsangebot der arabischen Staatengemeinschaft zu ignorieren. Peres monierte, es habe keine internationalen Proteste gegeben, als über Monate Raketen der Hamas auf Israel niedergingen.

UN-Generalsekretär Ban Ki-moon rief zu schneller Hilfe für die Menschen im Gazastreifen auf. Er bezifferte den Bedarf mit rund 613 Millionen Dollar. Weil die BBCsich weigerte, einen Spendenaufruf von Hilfsorganisationen für Gaza auszustrahlen, hatte zuvor der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde, Mohamed El-Baradei, ein Interview mit dem Sender aus Protest abgesagt. (afs/APA/DER STANDARD, Printausgabe, 30.1.2009)

Im folgenden Auszüge aus der Rede des israelischen Präsidenten in einer Übersetzung der Deutschen Presse-Agentur (dpa):

"Herr Ministerpräsident, lassen Sie mich einige Dinge richtigstellen. (...) In den letzten vier Jahren (...) sind 5.500 Raketen und 4.000 Mörsergranaten auf das zivile Leben in Israel abgefeuert worden, willkürlich. (...) Herr Ministerpräsident, vier Tage vor der Offensive (als der israelische Regierungschef Ehud Olmert Ankara besuchte und Erdogan nach eigener Aussage nicht über die bevorstehende Militäroffensive in Gaza unterrichtet wurde) hat die israelische Regierung noch keine (diesbezügliche) Entscheidung getroffen. Israel hat den Gazastreifen (im September 2005) vollständig geräumt.

Es gibt dort keine Besatzung mehr. (...) Es gab keinerlei 'Belagerung' von Gaza. (...) Es gab keinen einzigen Tag, an dem in Gaza gehungert worden wäre. (...) Wissen Sie, was es bedeutete, wenn jeden Tag hundert Raketen auf einen abgeschossen wurden? Wenn eine Million Menschen im Schutzraum sein musste? (...) Präsident Mubarak (von Ägypten) beschuldigte (wegen der Opfer in Gaza) die Hamas und nicht uns, und er kennt die Lage um nichts weniger besser als Sie, Herr Ministerpräsident.

Präsident Abbas (Palästinensische Autonomiebehörde) beschuldigt die Hamas und nicht uns. (...) Das Problem sind die iranischen Ambitionen, den Nahen Osten beherrschen zu wollen. Sie statten die Hisbollah (im Libanon) und die Hamas mit Raketen aus. Wir haben keine andere Wahl. Was würde jedes andere Land tun? Was würden Sie tun, wenn jede Nacht zehn oder hundert Raketen auf Sie niedergehen? (...)"

  • Der türkische Premierminister verlässt das Podium.
    foto: epa

    Der türkische Premierminister verlässt das Podium.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Jubel am Flughafen bei der Ankunft Erdogans am Flughafen in Istanbul.

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