Keine Kindesweglegung des "Pillenvaters"

29. Jänner 2009, 20:43
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Ein STANDARD-Essay von Carl Djerassi sorgte für mediale Erregung - sehr zum Unmut des Autors. Eine Klarstellung

Laut Website des Katholischen Nachrichtendienstes hat Kardinal Schönborn in der ORF-Pressestunde vom 22. 12. '08 folgendermaßen auf mich Bezug genommen:

"Der Erfinder der 'Antibabypille', Carl Djerassi, habe vor kurzem im STANDARD von einer demografischen Katastrophe gesprochen und die Österreicher vor die Alternative gestellt, entweder drei Kinder pro Familie zu haben, oder eine bessere Integrationspolitik zu betreiben."1

Von einer wichtigen Ausnahme abgesehen, hat mich der Kardinal korrekt zitiert. Meine Empfehlung für eine Drei-Kind-Familie richtete sich nicht an alle Österreicher - das würde binnen weniger Jahrzehnte eine Bevölkerungsexplosion verursachen, die aus demografischer, ökonomischer und umweltpolitischer Sicht unverantwortlich wäre - sondern bezog sich ausschließlich auf die Zunahme xenophober Stimmen bei den letzten Nationalratswahlen. Ein Land braucht durchschnittlich 2,1 Kinder pro Familie um seine Bevölkerungszahl aufrechtzuerhalten, und da der gegenwärtige Durchschnitt in Österreich bei 1,4 Kindern liegt, müssten immigrationsfeindliche Eltern künftig, wenn natürliche Fortpflanzung die einzige Methode zur Aufrechterhaltung der derzeitigen Bevölkerungsdimension wäre, tatsächlich drei Kinder auf die Welt setzen, wenn sie eine "demografische Katastrophe" verhindern wollen. Aber das nur am Rande.

In den Tagen nach der Schönborn-Äußerung hat in europäischen und US-Medien eine wahre Explosion von Artikeln stattgefunden, insbesondere unter Federführung des Katholischen Pressedienstes, mit Schlagzeilen wie "Pillen-Erfinder verdammt die Pille" oder "Mitentdecker der Anti-Baby-Pille spricht jetzt von einer Katastrophe". Das sind infame Unterstellungen, die nicht unwidersprochen bleiben dürfen.

Eine der angesehensten britischen Zeitungen, der Guardian, eröffnete in der Ausgabe vom 7. 1. einen Artikel unter dem Titel "Kirche nützt Chance für Kritik an Geburtenkontrolle" mit folgendem Satz: "Führer der römisch-katholischen Kirche haben sich auf ein ,Bekenntnis'" von einem der Co-Erfinder der Anti-Baby-Pille gestürzt, demzufolge die von ihm in die Wege geleitete Verhütungsmethode für eine 'demografische Katastrophe' verantwortlich sei." Der Guardian hat diese Äußerung mittlerweile zurückgezogen und den gesamten Artikel von der Website entfernt. Die Quelle all dieser bereits auf hunderten Websites weltweit verbreiteten Unwahrheit ist die Behauptung, ich hätte in meinem Standard-Artikel die niedrige Geburtenrate in Österreich auf die Pille zurückgeführt. So eine Deutung ist absurd und wird von mir entschieden zurückgewiesen. Dass die Menschen nicht mehr Kinder zeugen, hat nichts mit der Verfügbarkeit von Verhütungsmitteln zu tun sondern mit persönlichen, ökonomischen, kulturellen und sonstigen Umständen. Das lässt sich nicht zuletzt z. B. an Japan ablesen, das noch größere demografische Probleme hat als Europa - ungeachtet der Tatsache, dass die Pille in Japan erst 1999 eingeführt wurde und nach wie vor nicht weit verbreitet ist.

Japans eklatante Fremdenfeindlichkeit macht es auch sehr unwahrscheinlich, dass es das Immigrationsproblem auf ähnliche Weise lösen könnte, wie das die USA getan haben. Es dürfte daher auch niemanden überraschen, dass sich Schätzungen zufolge die Population Japans bis 2050 um nicht weniger als 25 Prozent reduziert haben wird. Im Gegensatz dazu wird jene Österreichs - obwohl beide Länder derzeit in etwa das selbe Defizit haben - immigrationsbedingt um ca. 12 Prozent wachsen.

Verhütung, Geburtenkontrolle, Abtreibung oder die Pille sind in meinem Beitrag mit keinem Wort erwähnt worden. Ich habe einzig und allein den Aufstieg einer neuen fremdenfeindlichen Wählerschaft kritisiert, die offenkundig der Illusion verhaftet ist, dass ihr kleines Land nicht im Herzen Europas liegt sondern auf Insel, wo sie mit Gottes Gnaden völlig unbehelligt ihre Schnitzel genießen können. Schönborn hob in besagter Pressestunde auch hervor, das die Geburtenrate bei den Sonntagsmessebesuchern in Österreich 2,66 betrage, während der nationale Durchschnitt nur bei 1,4 liege. Womit offenbar zum Ausdruck gebracht werden sollte, dass praktizierende Katholiken sich weniger um Gertenkontrolle kümmern. Was aber nicht gesagt wird, ist, dass gerade die Verurteilung der Pille durch die Kirche einer der Hauptgründe für die zunehmende Säkularisierung der europäischen Katholiken und für deren stetig sinkende Anteilnahme am Kirchengeschehen ist ... (DER STANDARD, Printausgabe, 30.1.2009)

 

Carl Djerassi (geb. 1923 in Wien) ist Autor, Dramatiker und emeritierter Professor für Chemie an der Universität Stanford.

Zum Thema: Warum wir bald sehr alt ausschauen werden", Album, 13. 12. 2008

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