Hilfe und Vorbild im Armenhaus

29. Jänner 2009, 20:27
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Die Caritas betreut - und hilft, Vorurteile gegen Behinderte abzubauen

Yerewan - In den ungeheizten Klassenräumen steht den Kindern der Atem in dichten weißen Wolken vor dem Mund. Die Schüler haben alles an Wintersachen an, was sie besitzen. Es ist nicht viel. Das Schulgebäude ist jämmerlich: Putz fällt von den Wänden, die Fenster sind undicht. Es ist schwer, zu lernen, wenn man friert, sagt der neunjährige Anastas leise. Das ist der Alltag in diesem Winter in Armenien, dem Land, das die österreichische Caritas heuer in den Mittelpunkt ihrer Osteuropasammlung gestellt hat.

Die ehemalige Sowjetrepublik mit ihrer uralten christlichen Kultur leidet schwer unter den Folgen der drei Schicksalsschläge, die es vor zwanzig Jahren getroffen haben: das Erdbeben von 1988 mit 25.000 Toten, der Zusammenbruch der Sowjetunion und der Krieg mit Aserbeidschan um die armenische Enklave Berg Karabach.

In Gyumri, der zweitgrößten Stadt nach der Hauptstadt Yerewan, in der das Erdbeben die ärgsten Zerstörungen anrichtete, stehen noch immer Ruinen. Noch immer wohnen zahlreiche Familien in Notquartieren. Die Fabriken, die einst für den sowjetischen Markt arbeiteten, stehen still. Die Folge: 80 Prozent Arbeitslosigkeit. Wer konnte, ging nach Russland. Zurück blieben Alte und Kinder. Und jetzt ist auch noch das Erdgas aus Russland um fast fünfzig Prozent teurer geworden.

Mehr als die Rente

Um seine Wohnung zu heizen, würde er 60 Euro im Monat brauchen, rechnet der vierundachtzigjährige Norik Amaryan vor. Mehr, als seine Rente. Amaryan ist blind. Zweimal in der Woche kommt eine Helferin der Caritas zu dem ehemaligen Lehrer. So gibt es wenigstens an diesen Tagen warmes Essen und die Medikamente. Wenn die Caritas nicht wäre, sagt "Papa norik", würde er nicht mehr leben.

Im Gegensatz zu den einheimischen Behörden hat die armenische Caritas mit österreichischer Hilfe in den letzten Jahren ein beeindruckendes Hilfsnetz aufgebaut. Es gibt Tageszentren und Heimhilfe für Alte, eine Einrichtung für behinderte Kinder, Unterstützung für Selbsthilfegruppen, die sich um Flüchtlinge und Drogensüchtige kümmern.

Man unterstützt und berät zunehmend auch staatliche Institutionen. Die Österreicher helfen mit Geld und Know-how. Auch wegen der Vorbildwirkung in einer Gesellschaft, die immer noch stark sowjetisch geprägt ist, sagen der österreichische Caritaspräsident Franz Küberl und sein armenischer Partner Gagik Tarasyan.

Die Erfolge können sich sehen lassen: Behinderte Kinder wurden noch vor kurzem versteckt und weggesperrt. Solche Geschöpfe sollten gar nicht leben, hörten Betreuer früher von einem Wirt in einem Ausflugsort. Letztens hatte der Mann für alle Kinder ein Eis bereit. Er hatte seine Meinung geändert. "Toll, was ihr da macht", sagte er den freiwilligen Helfern. (Barbara Coudenhove-Kalergi, DER STANDARD - Printausgabe, 30. Jänner 2009)

 

 

 

Die Osteuropasammlung der Caritas steht unter dem Motto "Kälte ist kein Kinderspiel". Spendenkonto: PSK 7 7.00 004, BLZ 60.000.

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