Päpstliche Grenzerfahrungen

29. Jänner 2009, 20:27
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Regelmäßig schafft es Benedikt XVI., andere Konfessionen zu brüskieren - Von Markus Rohrhofer

Möglich sind zwei Szenarien - diplomatische Naivität oder, frei nach Hamlet: Der Wahnsinn hat Methode. Mit mittlerweile gewohnter Regelmäßigkeit schafft es Papst Benedikt XVI., andere Konfessionen zu brüskieren.

Da mit dem Theologen Joseph Ratzinger aber einer der intelligentesten Kirchen-Köpfe auf dem Stuhl Petri sitzt, scheint eines klar: Keine der Entscheidung ist Zufall oder göttliche Fügung, sondern päpstlicher Wille. Ganz bewusst versucht man offensichtlich, genötigt durch die starke Anwesenheit außereuropäischer Kulturen und Religionen in Europa, sich deutlicher von "Mitbewerbern" abzugrenzen um so die eigene Identität verstärkt in den Vordergrund zu rücken. Der Preis dafür ist hoch: die Ökumene.

Spannend, und in der aktuellen Diskussion über die leidigen Aussagen von Pius-Bruder Williamson fast vergessen, scheint, dass die Wiederaufnahme der Lefebvre-Bischöfe zwar eine Eiszeit mit dem Judentum ausgelöst hat, innerhalb der katholischen Kirche sich aber kein geistliches Ohrwaschel zu den päpstlichen Entscheidungen gerührt hat. Zur Erinnerung: Die ultrakonservative Priesterbruderschaft St. Pius X. distanziert sich vom Zweiten Vatikanischen Konzil, wirft der katholischen Kirche einen Verrat an der Glaubenstradition vor, hat massive Probleme mit der Duldung der staatlichen Religionsfreiheit und wendet sich entschieden gegen den Dialog mit anderen Konfessionen und Religionen. So etwas wird 2009 von der Römischen Kurie kommentarlos abgenickt. Die Grenzen im Kopf sind eng gesteckt. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.1.2009)

 

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