Im Würgegriff von vier Zentimeter Neuschnee

29. Jänner 2009, 20:22
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Barack Obama muss sich erst an Washington gewöhnen

Während Schneestürme in seiner alten Heimatstadt Chicago im Winter niemanden erschrecken, kapituliert Washington schon vor ein paar Flöckchen.

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Washington - Der Präsident hat sofort protestiert, in seinem ersten Winter, den er mitsamt Familie in der Hauptstadt verbringt. "Also, für meine Töchter fiel der Unterricht aus", sagte Barack Obama. "Und warum? Wegen ein bisschen Glatteis!"

Er lachte, die Reporter lachten, aber es war kein Scherz. Der Präsident gab zu Protokoll, wie heftig ihn der Fatalismus der Washingtoner angesichts einiger Schneeflocken irritiert: Zwei Tage lang konnten seine Töchter nicht zur Schule gehen, an eine teure Privatschule, die zwanzigtausend Dollar pro Jahr kostet, pro Nase. "In Chicago ist das nie passiert", grummelte Obama. "Vielleicht täte ein bisschen Chicagoer Härte auch dieser Stadt gut."

In Chicago, der Windy City, schneit es oft und heftig. In Washington fielen am Dienstag vier Zentimeter Schnee. Am Mittwoch folgte gefrierender Regen: In Mitteleuropa oder in Chicago heißt derlei "normales Winterwetter". Die Hauptstadt der Supermacht dagegen kapituliert. Auch das ist Routinesache.

An solchen Tagen lesen die Radiosprecher ab fünf Uhr lange Listen von Stadtbezirken (und, weitaus umfangreicher, der Vorstadtbezirke) vor, in denen die Schüler zu Hause bleiben dürfen: Die Schulbusse könnten auf glatter Fahrbahn ins Schlingern geraten. Auch Washingtons U-Bahn, sonst ein Muster an Pünktlichkeit, fährt dann nur noch sporadisch. Auch der Strom fällt aus, nicht überall, aber doch weiträumig, weil betagte Kabel unter der Last von Eiszapfen reißen. Danach wird der Schaden notdürftig geflickt, was Neuankömmlinge wie Obama fragen lässt, wann sie die Leitungen endlich unter die Erde verlegen.

Im Wetterkanal, einem der meistgesehenen Fernsehsender, ist "Wintersturmwarnung" das Wort des Tages. Manchmal ist sogar von einer Kriegszone die Rede. Allerdings führt Amerika verbal gegen vieles Krieg. So kann etwa die Bekämpfung des Mülls schnell zum Krieg gegen den Müll werden.

Wer es trotz alarmierender Wettermeldungen wagt, einen Fuß vor die Tür zu setzen, deckt sich mit Milch, Brot, Mineralwasser und Toilettenpapier ein. So, wie die Bewohner von New Orleans vor einem Hurrikan. "Wie üblich lässt der erste Schneesturm der Saison die Dinge ein wenig flockig zurück", titelt die Hauptstadtzeitung, die Washington Post, wie üblich in einer Mischung aus Humor und Resignation. Wohlgemerkt: Es gibt nirgendwo Verwehungen, die Schneedecke misst gerade einmal vier Zentimeter.

Nur eines funktioniert perfekt: die virtuelle Beobachtung des Krieges gegen den Winter. Weil die Washingtoner Web-Narren sind, kann man im Internet verfolgen, wo Schneepflüge im Einsatz sind, unterteilt in drei Kategorien. Lila Punkte: Hier wird gepflügt und Salz gestreut. Grün steht für "Pflügen ohne Salz", Blau für "Salz ohne Pflug". Ein Klick auf ein Kamerasymbol, und schon lässt sich live beobachten, was sich an einer Kreuzung der Nachbarschaft tut. Unscharfe Bilder, die eine Fahrbahn zeigen - fast ohne Autoverkehr. Wer Zeit hat, kann (virtuell) auf den Schneepflug warten.

Zurück zu Obama. Die Direktorin der Sidwell Friends School, der Schule der Präsidententöchter, hat auf seine Spitze mit einem offenen Brief reagiert. Man könnte Sidwell doch mit Punahou zusammenlegen, der Schule, die Barack einst in Honolulu besuchte, schrieb Ellis Turner. "Dann verlegen wir unsere Klassenzimmer nach Hawaii und brauchen uns wegen des Wetters nie wieder zu sorgen." (Frank Herrmann aus Washington, DER STANDARD - Printausgabe, 30. Jänner 2009)

 

 

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    Wenn der Schnee ganz leise und sanft rieselt, werden in Washington Katastrophenpläne aktiviert: Es ist schulfrei, U-Bahnen fahren nicht - und nur der "zuagraste" Präsident findet das seltsam.

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