"Deflation könnte in EU Zähne zeigen"

29. Jänner 2009, 19:19
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Die europäische Wirtschaft steht mit ähnlichen Problemen da wie die USA

Standard: Wie lange wird der Wirtschaftsabschwung in der EU und Amerika noch andauern?

Doll: Das ist in diesem Umfeld schwer zu sagen. Ich gehe davon aus, dass es 2009 eine Rezession in der entwickelten Welt geben wird, von -1,5 bis -2,0 Prozent. 2010 werden wir wieder positives Wachstum sehen, doch die Volkswirtschaften der entwickelten Welt werden weiterhin langsamer wachsen als früher. Das Umfeld bleibt damit enttäuschend, aber es gibt nicht mehr das große, schwarze Loch, in das wir im September 2008 geblickt haben. Ich glaube, dass auch die Deflation (ein fallendes Preisniveau, Anm.) vom Aufschwung besiegt wird.

Standard: Sind die europäischen Volkswirtschaften stärker von der Krise getroffen?

Doll: Die europäischen Wirtschaftspolitiker haben zu langsam auf die Rezession reagiert. Besonders die Notenbanker haben die Zinssätze zu hoch gehalten. Dabei haben viele Länder in Europa genau dieselben Wachstums- und Schuldenprobleme wie die USA.


Standard:
Hat die Europäische Zentralbank (EZB) im Vergleich zur amerikanischen Notenbank zu langsam auf die Krise reagiert?

Doll: Wenn die Geschichtsbücher über diese Krise geschrieben werden, wird es ein Kapitel über den großen Fehler der EZB geben. Dieser Fehler war die Zinserhöhung im Juli 2008 und die Rhetorik bis zu dieser Zinssteigerung. Zum Glück hat sich die Einstellung der EZB seitdem verändert, aber die Zinsen sind noch zu hoch.


Standard: Könnten die Länder der Eurozone eine Deflation erleben?

Doll: Wegen des Fehlers der EZB könnte die Deflation im Euroraum ihre Zähne zeigen. Doch auch für andere Industrieländer wie die USA besteht das Risiko.

Standard: Wie wird Osteuropa von der Krise getroffen werden?

Doll: Die Schwellenländer werden 2009 großteils zur Erholung ansetzen. Allerdings stehen viele osteuropäische Länder wie Rumänien oder Ukraine vor massiven Problemen. Es wird ein höheres Weltwirtschaftswachstum, mehr Kredite und auch mehr Unterstützung von Ländern wie Österreich brauchen, um den Problemländern Osteuropas wieder auf die Beine zu helfen.

Standard: Sind die schlimmsten Nachrichten aus dem Bankensektor schon überstanden?

Doll: Nein. Es werden noch viele Horror-Meldungen aus dem Finanzsektor kommen. Besonders aus dem Bereich mit komplexen Finanzprodukten wie Derivaten auf dem US-Immobilienmarkt.

Standard: Welche Rolle spielen die Banken im Wirtschaftsaufschwung?

Doll: Eine sehr viel schwächere. Es wird sehr viel mehr Regulierung geben, und der Bankensektor muss erst langsam versuchen, sich auf die eigenen zwei Beine zu stellen. Eines ist klar: Der Finanzsektor wird das Wirtschaftswachstum eher bremsen als anstoßen. (Lukas Sustala, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.1.2009)

 

Zur Person: Bob Doll (55) ist Chief Investment Officer der amerikanischen Fondsgesellschaft Blackrock mit mehr als 1000 Milliarden Euro verwaltetem Vermögen.

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    Alljährlich veröffentlicht Doll seine zehn Vorhersagen für das nächste Jahr.

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